"Robin Blood"

Wentorfer fordert "Blutgeld" ein

Pharma-Skandal: In den 80er-Jahren wurden Bluter mit Aids infiziert, einer bricht das Schweigen

Der "Spiegel" bezeichnete sie in der jüngsten Ausgabe als "Die Vergessenen". Mehr als tausend Bluter starben seit den 80er-Jahren in Deutschland an Aids, weil sie auf Gerinnungspräparate angewiesen waren, die aus Blutspenden hergestellt wurden. Damals wurden neben Aids verursachenden HI-Viren auch Hepatitis C und B vielfach unbemerkt auf Patienten übertragen. Das Leid der Infizierten blieb meist unsichtbar. Einer ist Andreas Bemeleit (51). Der Wentorfer hat das Schweigen gebrochen.

Mit seiner Frau Cornelia Michel (52) gründete er das Netzwerk "Robin Blood", meldet sich kämpferisch in den Medien zu Wort. Seit dem Artikel im "Spiegel" ist das Wohnzimmer der beiden im Casinopark zur Informations-Zentrale eines vergessenen Pharma-Skandals geworden. Pausenlos klingelt das Handy. "Bild", Nachrichtenjournale, ZDF-Morgenmagazin und Frühstücksfernsehen bitten um Interviews. Anwälte von Betroffenen melden sich.

"Wir wissen nicht, wie wir das alleine schaffen sollen", sagt Bemeleit. Es fehlt Unterstützung. "Die meisten Bluter wollen nicht an die Öffentlichkeit." Auf seinen nur noch dünnen Beinen will er notfalls allein für seine Leidensgenossen einstehen, die Verantwortungslosigkeit von Pharmaunternehmen, Ärzten und Aufsichtsbehörden anklagen. Die Gelenke schmerzen, der 1,83 Meter große Mann wiegt 58 Kilo. Magen und Darm rebellieren gegen den Medikamentencocktail, der täglich den tödlichen Virus in Schach hält.

Obwohl ihm sein Arzt 1984 nur eine Prognose von zwei Jahren gegeben hat, ist er am Leben. So wie noch etwa 420 HIV-infizierte Bluter. Ein zynischer Grund gibt dem Skandal jetzt eine neue Brisanz. Das Stiftungsvermögen, aus dem viele der Opfer eine Rente beziehen, ist nahezu ausgeschöpft. "Man hat wohl nicht damit gerechnet, dass viele der Opfer so lange leben", sagt Bemeleit. Auch der Wentorfer bangt mit etwa 600 Berechtigten um seine Rente. 1500 mit Hepatitis C infizierte erhalten trotz schwerer gesundheitlicher Folgen gar keine Entschädigung. "Obwohl sie vom gleichen verseuchten Blut infiziert wurden", klagt Bemeleit an.

Ein Medikament brachte die tödlichen Viren ins Blut

Der gebürtige Bergedorfer hatte schon mit Anfang 20 mit dem Leben abgeschlossen. Als Bluter spritzte auch er das "Wundermittel Faktor VIII" bei Verletzungen. Was das Ausbluten stoppte, brachte die tödlichen Viren in seinen Körper. Das Ergebnis eines HIV-Tests klang 1984 wie sein Todesurteil. Zukunftspläne schienen aussichtslos. "Warum sollte ich noch studieren", fragte sich Bemeleit. Er vernachlässigt das Informatikstudium, arbeitete in einer Versicherung, stürzte sich ins Leben. Mit seiner damaligen Frau tourte er auf dem Fahrrad durch Neuseeland. "Die Prioritäten verlagerten sich", sagt Bemeleit, der lieber nach vorne als zurück blicken möchte.

Seinen Eltern erzählte er erst nichts. "Warum sollte ich sie damit belasten." Bis sich die Krankheit vor der Familie nicht mehr verheimlichen ließ. 1997 wurde er mit 35 Jahren Frührentner. "Viele meiner Freunde, denen Faktor VIII gespritzt wurde, sind schon gestorben." Die Freundschaften schloss er als Kind im Krankenhaus. Bemeleit litt wie sie an der Erbkrankheit Hämophilie A. Das Blut gerinnt nur sehr langsam oder gar nicht. Jede Verletzung kann tödlich enden. Da schien das neue Medikament Faktor VIII erst als Segen. "Bis die ersten Patienten unter scheinbar mysteriösen Umständen starben", sagt Bemeleit.

Solange er lebt, will er für die Rechte der Opfer auf Entschädigung kämpfen. "Ich erwarte Unterstützung von der Arzneimittelbranche, die immer noch blendend an uns verdient", sagt er. Eine Dosis, die er sich nach einer Stichverletzung spritzen muss, kostet 1250 Euro. Es könne nicht sein, dass die Allgemeinheit den Hauptteil der Entschädigung trage und nicht die Pharmaindustrie: 1995 wurde die "Stiftung Humanitäre Hilfe durch Blutprodukte HIV-infizierte Personen" gegründet. 46,4 Millionen Euro zahlte die Industrie, 76,7 Millionen Euro Bund und Länder.

Unterstützt wird er von seiner Frau, mit der er regelmäßig durch Wentorf radelt. "Wir sind die beiden mit den schnellen Pedelecs, Elektrofahrrädern." Rückenwind erhofft sich das Paar jetzt durch einen Spielfilm (siehe Infotext oben).

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