Reinbek

Erinnerung an Julius Schreck

Zeitzeugen gesucht: Lehrer der Sachsenwaldschule war Gegner des NS-Regimes

Wer kannte Julius Schreck? Diese Frage stellt Dr. Sönke Zankel. Der 40-Jährige unterrichtet am Ludwig-Meyn-Gymnasium in Uetersen und beschäftigt sich derzeit in einem Schulprojekt mit Lehrern, die sich gegen das Unrecht im Nationalsozialismus mit Worten und Taten zur Wehr gesetzt haben. Als er im Landesarchiv in Schleswig auf den Namen des Regimekritikers Julius Schreck stieß, war sein Interesse sofort geweckt.

Der Deutsch- und Geschichtslehrer unterrichtete bis in die 1950er-Jahre an der Sachsenwaldschule in Reinbek. Er hat auch in den Klassenräumen, der Pausenhalle und dem Lehrerzimmer keinen Hehl daraus gemacht, was er von den Nationalsozialisten hielt. "Mit diesem Verhalten ist er sofort in die Verfolgungsmaschinerie geraten. Wegen seiner Kritik wurde er Anfang der 1940er-Jahre verhaftet und verurteilt", erläutert Dr. Sönke Zankel. Schreck war längere Zeit in Lübeck inhaftiert.

Zankel möchte an den mutigen Mann erinnern, der in Reinbek in Vergessenheit geriet. Auch im Stadtarchiv hat Schreck keine Spuren hinterlassen, wie der Historiker bereits herausgefunden hat. Die Ergebnisse seiner Recherchen sollen in einen Fachaufsatz fließen.

Anhand alter Prozessakten hat Zankel schon ein ungefähres Bild von dem Mann, der im Gegensatz zu vielen anderen seine Überzeugung laut vertrat. Lehrer und Schüler hatten vor Gericht gegen ihn ausgesagt, das ist detailliert protokolliert. Doch der Historiker, der eine Aufsehen erregende Promotion zum Thema Geschwister Scholl veröffentlichte, möchte noch viel mehr erfahren. Wie war Julius Schreck als Mensch und als Lehrer? Lebt noch jemand aus seiner Familie in Reinbek? Und gibt es Zeitzeugen, die damals als Schüler von ihm unterrichtet wurden, möglicherweise sogar noch Kollegen?

Einer, der sehr viel zu erzählen hat, ist Bernhard Donati. Der 84-Jährige hatte Julius Schreck als Klassenlehrer und erinnert sich, dass der Pädagoge tatsächlich offen gegen die Nationalsozialisten revoltierte. "Als ich ihm einmal meine Schülerausstellung mit dem Thema ,Die Deutsche Zukunft liegt auf dem Meere' zeigte, sagte er mir: ,Die Deutsche Zukunft liegt im Wasser'", erzählt Donati. Er weiß noch gut, dass Julius Schreck für seine Überzeugungen verhaftet wurde. Doch trotz des ernsten Themas mischen sich in die Erinnerungen des Reinbekers auch vergnügliche Geschichten über den Mann, den er als großen, kräftigen und durchaus strengen Mann mit einem "vollkommen haarlosen Kopf" kennen gelernt hat.

So manchen Schabernack habe man mit ihm getrieben, ihm beispielsweise an den Kartenständer über seinem Kopf getragene Schuhe gehängt, begleitet von den Worten: "Seien sie vorsichtig, über Ihnen hängt ein schlimmes Schicksal." Auch daran, dass Julius Schreck einmal am Pult eingeschlummert ist, erinnert sich Donati noch heute. Er besitzt sogar noch einige Fotos aus dem Unterricht.

Auch die Wentorferin und Hobby-Historikerin Hildegard Ballerstedt erinnert aus ihrer Schulzeit den "sehr strengen" Lehrer Julius Schreck. "Er legte sehr viel Wert auf den humanistischen Bildungskanon", erzählt sie. Sie weiß wohl, dass die Aula des Gymnasiums von den Nationalsozialisten missbraucht wurde. Fotos mit dem über der Bühne geflaggten Hakenkreuzen sind bekannt. "Aber dass er verhaftet und verurteilt worden war, habe ich allerdings nicht gewusst", sagt die 76-Jährige. Sie weist aber auf einen Text aus der Chronik "75 Jahre Sachsenwaldschule" von 1999 hin. Dr. Reinhard Luyken, der 1939/40 Abitur machte, schrieb darin: "Antinazis unter den Lehrern erkannten wir schnell an der Art ihres Eintritts in den Klassenraum und wie sie den geforderten Hitlergruß absolvierten: zackig-korrekt oder lässig-widerwillig oder gar negierend (z.B. die Herren Frahm, Dr. Larkum, Schreck)."

Aus vielen Erinnerungen - ernsten Erlebnissen aber auch humorvollen Begegnungen - möchte Dr. Sönke Zankel ein komplettes Bild des Widerständlers formen. Wer dem Historiker als Zeitzeuge weiterhelfen möchte, erreicht ihn am Ludwig-Meyn Gymnasium, Seminarstraße 10, 25436 Uetersen. E-Mail-Adresse: s.zankel@lms-sh.de.

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