Transitautobahn

A 24 statt F 5 - Das Ende einer Zeitreise durch die DDR

Reinbek/Berlin (dpa). Autofahrer benötigen für die etwa 280 Kilometer lange Autobahnstrecke von Hamburg nach Berlin normalerweise zwei bis zweieinhalb Stunden. Das war nicht immer so.

Die Autobahn gibt es erst seit 30 Jahren, sie entstand zu DDR-Zeiten. Der Tag ihrer Eröffnung, der 20. November 1982, war für die eingemauerten West-Berliner ein historisches Datum. Es markierte einen Meilenstein für die Verkehrsanbindung der geteilten Stadt - auch wenn mehr als Tempo 100 nicht erlaubt war.

In Richtung Westen und Süden war Berlin damals schon über Autobahnen mit der Bundesrepublik verbunden. Sie waren in weiten Teilen noch während der Nazi-Herrschaft angelegt worden. Doch zwischen Nordwestdeutschland und West-Berlin mussten sich die Fahrzeuge im Transitverkehr jahrzehntelang von Lauenburg aus über die Fernverkehrsstraße 5 durch viele Dörfer und Kleinstädte in Brandenburg und Mecklenburg quälen.

Von 1952 bis 1982 war die F 5 im Norden die einzige direkte Straßenverbindung von und nach West-Berlin. Wenigstens fünf Stunden mussten die Autofahrer auf dieser Durchgangsstrecke durch die DDR einplanen. Und oftmals dauerte die Fahrt länger, nicht zuletzt wenn sich die Abfertigung an den DDR-Grenzkontrollstellen hinzog.

Es war ein trüber Sonnabend, als sich Bundesverkehrsminister Werner Dollinger (CSU) und sein DDR-Kollege Otto Arndt (SED) an der neuen Autobahn trafen, in Gudow auf westlicher Seite der DDR-Grenze. Eine gemeinsame Eröffnungszeremonie hatte das politische Klima zwischen beiden deutschen Staaten nicht hergegeben, obwohl Arndt an diesem 20. November wieder einmal viel von Frieden und friedlicher Koexistenz sprach. Dollinger gab in Witzhave das letzte, etwa 34 Kilometer lange Teilstück der Autobahn bis Gudow frei, parallel gab Arndt auf DDR-Gebiet grünes Licht für den Verkehr.

Beide Politiker trafen sich anschließend in Gudow und fuhren zu politischen Gesprächen zur Raststätte Stolpe in Mecklenburg, wo auch ein Mittagessen serviert wurde.

Dollinger nannte die Autobahn damals einen Beitrag der Bundesrepublik, um die Lebensfähigkeit West-Berlins zu erhalten. Die Bauarbeiten hatten 1978 begonnen. Die Bundesregierung überwies der DDR dafür 1,2 Milliarden D-Mark, der Abschnitt zwischen Hamburg und der DDR-Grenze kostete weitere 260 Millionen.

Ganz fertig war die neue Transitstrecke aber im November 1982 noch nicht. Der Verkehr musste noch bis Mitte der 1980er Jahre bei Nauen über einige Kilometer Landstraße zum West-Berliner Grenzübergang Staaken geleitet werden. Erst Ende 1987 wurde in West-Berlin die Verlängerung der Stadtautobahn durch den Tegeler Forst zum nördlichen Grenzübergang Stolpe fertig. Ebenso wie im Sachsenwald bei Hamburg hatte es dort heftigen Widerstand von Umweltschützern und Anwohnern gegen den Autobahnbau gegeben.

Das SED-Regime hatte auch deshalb großes Interesse an dem Autobahnbau, weil sich der Transitverkehr hier wesentlich einfacher auf Fluchtversuche und unerwünschte Kontaktaufnahmen zwischen Deutschen aus Ost und West überwachen ließ. Die Unübersichtlichkeit und Gemächlichkeit der F 5 hatte aber für nicht wenige Transitreisende vor allem aus Westdeutschland auch ihren Reiz. Für sie war die Fahrt auf der Landstraße eine der wenigen Gelegenheiten, einen Blick auf den Alltag des zweiten deutschen Staates zu erhaschen. Vielen kam die Tour angesichts ärmlich wirkender Dörfer und Kleinstädte wie Ludwigslust, Wustermark oder Ribbeck vor wie eine Zeitreise zurück in die Vorkriegszeit Deutschlands.

Neben der DDR-Volkspolizei, die schon für geringste Temposünden unnachsichtig abkassierte, war bei den Autofahrern auf der F 5 auch die sowjetische Armee gefürchtet, die früher viele Kasernen vor allem im Raum Berlin unterhielt. "Man musste bei Dunkelheit höllisch aufpassen", erzählt der Direktor des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung, Prof. Martin Sabrow.

Der Historiker kann sich noch gut an seine Autofahrten Anfang der 1980er-Jahre zwischen Berlin und seiner Heimatstadt Kiel erinnern. "Da tauchten plötzlich unbeleuchtete Armeelastwagen vor einem auf, auch vor Panzern ohne Licht musste man sich hüten. Und richtig schlimm wäre es gewesen, wenn einem ein betrunkener Rotarmist vor das Auto getorkelt wäre."