Arbeitsmarkt

Agentur stößt zweite Karriere an

Reinbek. Eine sportliche Statur hat er immer noch. Lässig nimmt Farai Mbidzo die kiloschwere Metallscheibe auf.

Dass der Mann aus Simbabwe jemals gebrauchte Maschinenteile im "Walzwerk" des Waltershofer Stahlherstellers "ArcelorMittal Hamburg" schleifen würde, hätte sich der 40-Jährige bei seiner Einreise nach Deutschland nicht träumen lassen. Zu verdanken hat er das der Arbeitsagentur Bad Oldesloe, die auch Profisportlern Umschulungen ermöglicht. "Von den 106 Kunden, die in diesem Jahr eine Berufsausbildung anstreben, ist einer Ex-Fußballprofi", sagt Mathias Brandtmann, Leiter der Arbeitsagentur in Reinbek und Ahrensburg. Sollten Sportler in einem Camp des DFB keinen neuen Vertrag erhalten haben, hilft die Agentur beim Anstoß zur zweiten Karriere.

"Ich habe noch mal Glück gehabt", sagt der Verfahrensmechaniker. Anders als andere Ex-Profis, die nur im Vereinsmanagement oder in Trainerposten überleben können, schaffte der Vater von zwei Kindern den Absprung. Er wechselte das Metier. Dank einer Umschulung.

In Harare geboren, stieg Mbidzo in seiner Heimat bis ins Kader des Simbabwe-Cup-Gewinners CAPS United auf. "Aber schon damals machte ich eine Ausbildung zum Schlosser", sagt Mbidzo.

1997 kam ein Angebot, von dem alle Kicker in Afrika träumen: Hans Viol, Unternehmer, Hobby-Scouter und damaliger Präsident des Bonner SC, wollte das Fußball-Talent nach Deutschland holen. "Viol sagte, dass er für seinen Verein einen Kopf aus der Kreativabteilung suche, einen, der ein gutes Auge für seine Mitspieler hat, die Bälle verteilt."

Mbidzo nahm die Offerte an. Es folgten 41 Zweitliga-, 76 Regionalliga-Spiele und sechs Matches im DFB-Pokal. Mbidzo spielte für den Bonner SC, für Lokomotive Leipzig, den VfB Lübeck und die zweite Mannschaft des FC St. Pauli. Und dann plötzlich war Mbidzo 34 Jahre alt und der "Fußball-Opa". "Bei Pauli sollte ich dabei helfen, eine jüngere Mannschaft aufzubauen. Als der Job erledigt war, war das Ende meiner Fußballerkarriere abzusehen", sagt er. Sein letztes Spiel bestritt das Mittelfeld- As am 9. Mai 2010. "Ich wollte wieder als Schlosser arbeiten. Doch sowohl Arbeitsagentur als auch IHK teilten mir mit, dass meine Ausbildung nicht anerkannt werden könne." Obwohl in Simbabwe auch nach der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1980 englische Ausbildungsstandards galten, schloss das Land mit der Bundesrepublik kein Abkommen über die Anerkennung von Abschlüssen. Mbidzo: "Da war ich zunächst ziemlich verzweifelt." Unterstützung habe er von der Sachbearbeiterin in der Arbeitsagentur, Rosi Wittenhagen, erhalten. "Sie hat sich ins Zeug gelegt, um nach Alternativen zu suchen und vermittelte mir auch den Kontakt zu ArcelorMittal."

Heidi Warnecke, Ausbildungsleiterin des Stahlherstellers, war zunächst vorsichtig: "Es gab ein Vorgespräch. Wir wollten wissen, wie gut Herr Mbidzo Deutsch sprach. Aber wir waren sofort beeindruckt, wie toll er sich ausdrücken konnte." Im anschließenden Bewerbungsgespräch wies Warnecke darauf hin, dass Mbidzo bessere Chancen habe, übernommen zu werden, wenn er vom Schlosser zum Verfahrensmechaniker wechselte. Warnecke: "Wir haben zurzeit 80 Industriemechaniker - die hießen früher Schlosser - und rund 300 Verfahrensmechaniker." Mbidzo zeigte sich flexibel. Und so folgte nach einem Praktikum eine zweijährige Umschulung, dann die Übernahme. Anstatt Produktionsanlagen zu reparieren, überwacht und steuert Mbidzo sie jetzt. "Es war erst hart, die Fachausdrücke auf Deutsch zu lernen", sagt der Ahrensburger. Und er habe Glück gehabt, dass er während seiner Fußballerkarriere keine schweren Verletzungen erlitten hatte. "Der Betriebsarzt wollte vor der Einstellung natürlich wissen, wie belastbar Herr Mbidzo noch ist", erklärt Warnecke. "Wenn ich zurückblicke, dann kann ich nur jedem Profi-Fußballer empfehlen, vor der Karriere oder zeitgleich eine Ausbildung zu machen", mahnt Mbidzo. "In der obersten Liga, die einen ein Leben lang ernährt, spielen nur die wenigsten mit. Daran sollte man immer denken."