Vogelzug

Zaunkönig und Spatz - allein zu Haus

Reinbek. Und plötzlich ist im Garten, im Wäldchen und auf den Feldern nicht mehr viel los.

Fast unbemerkt sind sie verschwunden, die Gartenrotschwänzchen, Singdrosseln, der Kuckuck, die Nachtigall, der Fliegenschnäpper, der Star und auch die Turteltaube - unauffälliger als Graugänse und Kraniche, die jetzt über den Himmel ziehen. Denn im Vergleich sind sie winzig. "Wer aber zurzeit einen Nachtspaziergang macht, kann Finken und Ringeltauben hören, die aus Skandinavien nach Süden ziehen", sagt Marco Sommerfeld, Vogelschutz-Experte beim Nabu Hamburg.

Viele unserer kleinen Ausdauerflieger haben die Zehntausende Kilometer in ihre Winterquartiere von Spanien und Israel über Nordafrika, die Südsahara bis Südafrika bereits hinter sich. Die ersten, die sich verdrückt haben, waren Mitte Juli die Mauersegler - sie können sogar im Flug schlafen - und die Kuckucke, über deren Abflug viele Bille-Anwohner froh sind. Der schöne Gesang der Nachtigallen und Singdrosseln wird schmerzlicher vermisst.

Für die langen Reisen von Süd nach Nord und umgekehrt ist das Nahrungsangebot ausschlaggebend. Wenn sich im Norden während des Sommers Insekten in Hülle und Fülle fangen lassen und damit der Nachwuchs problemlos aufgezogen werden kann, versiegt die Nahrungsquelle im Winter. In den Winterquartieren wiederum treffen sich so viele Vögel, dass die Nahrung nicht ausreichen würde, um Küken großzuziehen. Es bleibt also nur der Vogelzug.

Seit sich das Klima ändert, ändert er sich aber auch. "Mönchsgrasmücken und Zilpzalp fliegen nur noch bis zum Mittelmeer oder versuchen, hier zu bleiben", weiß Marco Sommerfeld zu berichten. Stare drehten gar die Zugrichtung um und flögen öfter nach Norden in große Städte, wo es genug Futter gibt.

Die "Aufbruchstimmung" der Piepmatze in Frühling und Herbst ist genetisch bedingt. Sind sie unterwegs, orientieren sich zum Beispiel Tauben und Rotkehlchen am Erdmagnetfeld, haben Wissenschaftler herausgefunden. Grasmücken hingegen "lesen" den Sternenhimmel samt seiner Rotation über die Nacht. Den Sonnenstand können alle Vögel auch bei bedecktem Himmel in ihre Flugroute einbeziehen, denn sie nehmen UV-Licht wahr. Einige Vögel fliegen sogar nach Landmarken wie Flüssen oder Autobahnen. Übrigens reisen die Leichtgewichte wie Grasmücken, Fitis und Co. in der kühlen Nacht und nicht an heißen, kräftezehrenden Tagen.

Bei allem Bedauern um den fehlenden Gesang im Garten gibt es Lichtblicke. Berg- und Buchfinken sind angekündigt. Denn die Bucheckern-Ernte im Norden ist dieses Jahr mies. Es wird Dompfaff und Meise, Drossel und Grünfink geben. Schließlich lassen sich auch Erlenzeisige bei passendem Futterangebot blicken.

Wer übrigens meint, dass "sein" Rotkehlchen im Winter treu im Garten bleibt, kann falsch liegen. Es könnte auch der Verwandte aus Dänemark sein, der den Platz des Vogels einnimmt, der an den Bodensee gezogen ist. Echte Standvögel sind nur Spatzen, Zaunkönige, Spechte, Habichte, Waldkauz und Elstern.