Gemeindejubiläum

Vom streitbaren Pastor zur Kirche im Dorf

Reinbek. In den Anfangsjahren ging es hoch her in der Gemeinde. Der streitbare erste Pastor zog gegen Fußballer ins Feld, fühlte sich vom Lärm der Kicker im Gottesdienst gestört. Im Mai 1965 eskalierte der Streit mit einer Protestaktion, die bundesweit Schlagzeilen machte.

Als auf dem Sportplatz die Fußballmannschaft des FC Voran Ohe mit 1:0 in Führung ging, rückte Pastor Karl-Wilhelm Hesse mit 150 Gemeindegliedern an. Der Vorsitzende des FC Voran, Hans-Heinrich Hackmack, stellte sich damals dem Geistlichen in den Weg. Die Gemeinde schallte ihm "Ein feste Burg ist unser Gott" entgegen. Pastor Hesse, der in Süddeutschland lebt, wird bald Gelegenheit haben, sich an diese Anekdote zu erinnern. Er ist als Geburtstagsgast eingeladen, denn Gethsemane feiert am Sonntag, 9. September, ab 11 Uhr das 50. Jubiläum.

Heute haben sich die Wogen zwischen Fußballern und Geistlichen längst geglättet. Der jetzige Gemeindepastor Michael Paul lässt es im Streitfall friedlich angehen, setzt auf das Miteinander und sucht das Gespräch und nicht die Konfrontation: "Wir verstehen uns als 'Kirche im Dorf'".

Unter diesem Motto steht auch das Jubiläumsfest der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Gethsemane. "Die Gruppen unserer Gemeinde und unser Kindergarten bieten Aktivitäten und Informationen an, und damit spiegelt das Programm die Vielfalt unseres Gemeindelebens wider. Darüber hinaus geben Gäste und Partner ein Abbild der guten Vernetzung mit unserem Umfeld: von der Stadt, der Schule, über die Vereine und Verbände bis hin zu den Geschäftsleuten."

Die Anfänge des evangelischen Kirchenlebens in Neuschönningstedt reichen zurück in die Nachkriegszeit, als in Flüchtlingsbaracken gegenüber der Gastwirtschaft "Haidkrug" erste Bibelabende stattfanden. Mit der Einweihung der Kirche St. Johannes in Glinde im Jahr 1959 wird Neuschönningstedt zusammen mit Glinde von Reinbek "ausgepfarrt" und zu einer selbstständigen Gemeinde erhoben. 1960 wird der Grundstein für den Bau eines Gemeindehauses gelegt. 1961 zählte noch fast jeder Einwohner (2355) zur Gemeinde mit 2174 Mitgliedern.

Zu einer eigenständigen Kirchengemeinde wurde Neuschönningstedt - einschließlich der Siedlung Stemwarde - 1962. Mit der wachsenden Bevölkerung erreichte die Gemeinde 1978 mit 4173 Mitgliedern ihren Höchststand. Heute zählt Pastor Paul 2640 Neuschönningstedter zu seiner Gemeinde. Die moderne Kirche wurde 1983 eingeweiht, und zugleich erhielt die Gemeinde den Namen "Gethsemane". Seitdem ist das Gemeindezentrum mit Kirche, Gemeindesaal, Arbeits- und Gruppenräumen, dem Pastorat und dem gemeindlichen Kindergarten - in unmittelbarer Nachbarschaft zur Grundschule und zum Wochenmarkt, der auch als Festplatz genutzt wird - zu einem Mittelpunkt des Ortes geworden.

Im Rückblick auf fünf Jahrzehnte "Gethsemane" empfindet Pastor Paul Freude und Dankbarkeit für das Engagement der Ehrenamtlichen, deren Arbeit das bunte Mosaik gemeindlichen Lebens erst ermöglicht hat. Und mit welchen Gefühlen blickt er auf die nächsten 50 Jahre der Kirche - angesichts sinkender Mitgliederzahlen und Kirchensteuer-Einnahmen? Seine Einschätzung ist optimistisch: "Die Kirche wird künftig den Menschen das anbieten können, was sie zunehmend suchen in einer Welt materieller Werte, des Leistungsdrucks, der Beschleunigung und der Flexibilisierung: Sinn, Orientierung, Menschlichkeit, Gemeinschaft, Heimat. Ich bin sicher: Wir bleiben die Kirche im Dorf!"