Arbeitsmarkt

Existenzgründer übernimmt nun selbst die Regie

Reinbek. Seiner Initiative und der Hilfe der Arbeitsagentur ist es zu verdanken, dass Christian Strauß in der aktuellen Statistik (siehe Kasten) der Arbeitssuchenden nicht mehr auftaucht.

Für den Aumühler stand schon zwei Monate nach dem ersten Besuch der Reinbeker Geschäftsstelle fest: "In meinem Alter wird es schwierig, wieder eine Festanstellung zu bekommen." Was lag für den 52-Jährigen näher, als auf das große Netzwerk an Kontakten zurückzugreifen, das er in seiner langen erfolgreichen Berufspraxis als Kameramann und Produktionsmanager aufgebaut hat. Sein Arbeitgeber hatte im November Insolvenz angemeldet. Für den Medienmann und Familienvater ein Sprung ins kalte Wasser, aber auch eine Chance, eigene kreative Ideen künftig als Selbstständiger zu verwirklichen.

Er hatte Glück, dass er dabei auf die Unterstützung der Arbeitsvermittler zurückgreifen kann, denn die Bewilligung eines Gründungszuschusses für Arbeitslose ist seit 2012 eine Ermessens- und keine Pflichtleistung mehr. Gab es im vergangenen Jahr noch 100 Anträge auf Unterstützung beim Weg in die Selbstständigkeit, so waren es im ersten Halbjahr 2012 nur noch 15, zieht Mathias Brandtmann, Leiter der Geschäftstelle Reinbek, Bilanz. "Wir werden weiterhin niemandem seinen Traum verderben, aber müssen künftig in einigen Fällen an die richtigen Stellen zur Wirtschaftsförderung vermitteln." Altenpfleger, Elektriker oder Maschinenbauingenieure haben künftig schlechtere Karten beim Gründungszuschuss, weil sie schnell auf dem Markt zu vermitteln sind, erklärt Brandtmann.

Dass es im Medienbereich kaum Chancen auf eine Festeinstellung gibt, kehrte sich so für Christian Strauß zu einem Glücksfall um. Seit Mai bezieht er den Gründungszuschuss in Höhe seines Arbeitslosengeldes plus den Beitrag von 300 Euro für die Sozialversicherung. Nach sechs Monaten (früher neun Monate) muss er jetzt allerdings nachweisen, dass seine neu gegründete Firma "straussfilm" alleine tragfähig ist. In diesem Fall unterstützt ihAls n die Arbeitsagentur weitere neun Monate mit einem Zuschuss für die Sozialversicherung.

"Das ist der größte Brocken", sagt Strauß, der sich privat versichern muss. Erst nach einer längeren Arbeitslosenzeit hätte er in die gesetzliche Krankenversicherung zurückkehren können. "Aber ich wollte mich schnell selbstständig machen, um meine Kontakte nicht zu verlieren. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit wäre es schwierig geworden, zurückzukehren."

Drei namhafte Firmen standen auch gleich mit Aufträgen vor der Tür. Strauß, der sich nach einem Volontariat Ende der 70er-Jahre als Kameraassistent, später freiberuflicher Kameramann in der Werbung und zuletzt als Produktionsmanager einen Namen gemacht hat, dreht heute vorwiegend Wirtschaftsfilme.

Mit diesem Konzept hat er auch die Agentur überzeugt, die eine Prognose für die Tragfähigkeit der Existenzgründung verlangt. Das machen unter anderem die Handwerkskammer, Industrie- und Handelskammer oder Kreditinstitute. Strauß hat auf die Hilfe des Vereins Wirtschaftssenioren "Alt hilft Jung" zurückgegriffen. "Ich hatte eine Anzeige in der Zeitung gelesen und mir einen Termin für eine Beratung im Reinbeker Rathaus geholt." Die Senioren haben einen Geschäftsplan, Gewinn- und Liquiditätsvorschau sowie das Arbeitspaket Existenzgründung mit ihm erstellt und ihm einen Mentor zugewiesen. Vier Stunden hat er die Beratung in Anspruch genommen und dafür 100 Euro als Aufwandentschädigung gezahlt. "Das hat mir sehr geholfen, mich durch den Dschungel der Formulare zu kämpfen." Jetzt steckt er in der Gründungsphase und möchte mit neuen Ideen Kunden in der Region erobern - zum Beispiel mittelständische Unternehmen. "Die könnten mit Spots ihre Internetseiten attraktiver machen", schwebt ihm vor. Der Profi hat ein Netzwerk an freien Filmemachern, auf das er zurückgreifen könnte. Bisherige Arbeiten sind in Kürze auf seiner Homepage www.straussfilm.de zu sehen.

Dass er so schnell von der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit gewechselt ist, ist vom Gesetzgeber gewollt. Die Gründer müssen einen Restanspruch von 150 Tagen auf Arbeitslosengeld haben. Früher konnten sie die Gründung noch bis 90 Tage vor Auslauf des Arbeitslosengeldes I länger vorbereiten. Wer allerdings eigenes Vermögen hat oder vor der Gründung abzusehende garantierte Einnahmen, bekommt den Gründungszuschuss nicht.