Nachwuchssorgen

"Pillenknick" bei Reinbeker Parteien

Reinbek. Sie wälzen Akten, vertiefen sich stundenlang in Verwaltungsvorlagen, treffen sich mit Reinbeker Bürgern zu Hintergrundgesprächen, diskutieren in Fraktionssitzungen und vertreten ihre Meinung in Ausschüssen und der Stadtverordnetenversammlung.

Rund 15 bis 20 Stunden Arbeit kommen bei vielen politischen Ehrenämtlern pro Woche zusammen. Zeitgleich sind einige berufstätig, haben Familie. "Manchmal ist man kurz vor dem Burnout", gibt Michael Zietz unumwunden zu. Der Reinbeker Physiotherapeut sitzt als Vertreter für Bündnis 90 / Die Grünen in der Stadtverordnetenversammlung - und die wird am 26. Mai 2013 bei den Kommunalwahlen neu gewählt.

31 Sitze sind zu vergeben und schon jetzt besteht bei Reinbeker Parteien die Befürchtung, dass einige leer bleiben könnten - Nachwuchs im jungen und mittleren Alter ist nicht in Sicht.

Bei den großen Parteien wie CDU und SPD engagieren sich überwiegend Ruheständler mit zum Teil jahrzehntelanger kommunalpolitischer Erfahrung. Junge Nachwuchshoffnungen wie beispielsweise Patrick Ziebcke (CDU) werfen nach fünf Jahren das Handtuch. "Ich muss mich nach dem Studium beruflich orientieren, bin nicht mal an Deutschland gebunden", gibt der Jurist als Begründung an. Was weiter anklingt: Kommunalpolitik ist mühsam und langwierig. Wer knackige und effektive Diskussionen und schnelle Beschlüsse erwartet, wird in stundenlangen Sitzungen mit offenem Ausgang schnell eines Besseren belehrt. "Wir müssen Kommunalpolitik farbiger und reizvoller machen, um für junge Leute attraktiv zu sein", sagt auch Michael Zietz. Nur wie?

Bürgernähe und Transparenz führt CDU-Urgestein Hans-Helmut Enk als mögliches Rezept an. "Wir schaffen es anscheinend nicht, unsere Politik für die Bürger transparent zu machen", sagt der 77-Jährige, der sich seit 1960 politisch in Reinbek und im Kreistag engagiert. In seinem Alter müsse man sich eigentlich in Ruhe auf die Couch legen und die Jüngeren machen lassen, kokettiert er. Da die aber nicht in Sicht seien, mache auch er weiter mit der Kommunalpolitik.

Durchaus zufrieden schaut die Wählergemeinschaft Forum 21 auf ihre Kandidatenliste. Dass dem so ist, führt Fraktionschef Heinrich Dierking auf Bürgernähe zurück. Angebote wie Stadtspaziergänge, Radtouren und eine Sommerakademie bringe sein Team mit den Reinbekern ins Gespräch. Da auch das Arbeitsprogramm von Forum 21 öffentlich diskutiert werde, sei die Hemmschwelle, mitzumischen und sich politisch zu engagieren, nicht so hoch.

Im Durchschnitt noch gut aufgestellt fühlt sich auch die FDP. "Aber auch uns werden nicht die Türen eingerannt", gibt Fraktionschef Uwe Rasch zu. Von hundert Leuten, auf die er aktiv zugeht und für die Politik begeistern möchte, fühlen sich maximal zehn angesprochen. Gerade die jungen Leute verliere man spätestens, wenn sie beruflich durchstarten. Raschs Angebot an alle, die in den Politikalltag schnuppern wollen: "Kommen Sie vorbei, reden Sie mit, auch ohne FPD-Mitglied werden zu müssen. Engagieren Sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten."

Auch bei der SPD stehen die Türen offen. Doch: "Viele engagieren sich nur noch für Dinge, die sie selbst betreffen. Sich uneigennützig für das Gemeinwohl einzusetzen, scheint heute nicht mehr attraktiv zu sein", hat Fraktionschef Volker Müller festgestellt. Auch Bürgermeister Axel Bärendorf verfolgt die Nachwuchssorgen bei den Parteien. Reinbek sei kein Einzelfall, sagt er. Statt sich in Diskussionen über Bordsteine und Laternen zu verlieren, sollte Kommunal-Politik sich trauen, auch große Pläne für die Zukunft zu schmieden. Wie sieht die Stadt Reinbek in 20 Jahren aus? Gesellschaftlich, wirtschaftlich, kulturell?

Bärendorf selbst kann sich vorstellen, die Sitze in der Stadtverordnetenversammlung zu halbieren, und auch so auf die Nachwuchssorgen zu reagieren. Effektives und visionäres Arbeiten sei auch mit kleinerem Team möglich. Kurzfristig löst das das Problem bis zur Kommunalwahl im Mai 2013 jedoch nicht. 31 Sitze müssen besetzt werden.