Sammlung

So versiegelte Napoleon seine Briefe

Reinbek. Einen Schatz auf dem Dachboden, den möchten viele gern finden. Friedrich-Edgar von Hobe (70) ist genau das vor 60 Jahren passiert. Auf dem Speicher seines Elternhauses fand der damals Zehnjährige alte Briefe seiner Vorfahren.

Was ihn besonders faszinierte: Die Adeligen hatten ihre Korrespondenz mit Siegeln versehen, sie so gekennzeichnet und vor neugierigen Blicken geschützt. In diesen Momenten auf dem Speicher des Gutshofes wurde eine Leidenschaft geboren, die den heutigen Reinbeker nie wieder losgelassen hat.

Mittlerweile umfasst seine Sammlung mehr als 10 000 Siegel. "Eine der größten Sammlungen ihrer Art überhaupt", sagt von Hobe, der sich im Vorstand des Vereins Freunde des Schlosses Reinbek engagiert. In jahrelanger Arbeit hat er jedes einzelne Siegel erfasst und den entsprechenden Familien zugeordnet. Nicht nur die Siegel selbst, sondern auch der gebundene Katalog liegt nun im Reinbeker Schloss. Im Register finden sich Namen wie Napoleon I., Johann Wolfgang von Goethe, Zar Nikolaus II von Russland und viele Berühmtheiten mehr. "Das bedeutendste Siegel ist aus meiner Sicht das von Maria Stuart, der schottischen Königin", sagt der Sammler.

Seine Familie zählt zum deutschen Uradel, lässt sich bis ins Jahr 1235 zurückverfolgen. Dementsprechend viele andere adelige Gäste empfingen von Hobes Eltern auf dem Gut. Viele von ihnen bat er als Kind um einen Abdruck ihres Siegelringes. Als wahrer Glücksgriff erwies sich der Gast Oberst von Hoffmann. Sein Vater, Landrat in Bunzlau/Schlesien, hatte ebenfalls sein Leben lang Siegel gesammelt, dafür alle europäischen Herrscherhäuser angeschrieben. Diese Sammlung war das einzige, was er damals auf der Flucht 1945 auf einem Handwagen rettete. Jahrelang lagen die Siegel unbeachtet auf dem Dachboden seines Bruders.

Ein absoluter Glücksfall für Friedrich-Edgar von Hobe. Seine bis dahin noch kleine Sammlung vergrößerte sich mit einem Schlag um 10 000 Siegel. Viele Etikettierungen waren verblasst, wurden jedoch Jahre später von ihm und seiner Frau mit Hilfe einer chemischen Flüssigkeit sichtbar gemacht, dann katalogisiert. Eine Mammutaufgabe mit der Schreibmaschine.

Ein weiterer Zufall erweiterte die Sammlung abermals um vierhundert Siegel. Während eines Kopenhagen-Aufenthalts bekam von Hobe in den 1970er-Jahren Kontakt zu Erzbischof Bruno Heim. Der hatte nicht nur die Wappen für drei Päpste entworfen, sondern auch eine Sammlung skandinavischer Wappen.

Ein Profi wie von Hobe, der eine Galerie in Reinbek führt, erkennt die Bedeutung einer Familie anhand ihres Wappens. "Je einfacher es gestaltet ist, umso älter ist die Familie", weiß er. Bis ungefähr 1918 seien Siegel getauscht worden wie Briefmarken, so der 70-Jährige. Heute haben sie mehr ideellen als materiellen Wert.

Friedrich-Edgar von Hobe versiegelt private Korrespondenz noch heute. Das Wappen seiner Familie besteht aus einer fünfblättrigen Rose mit gewechselten Farben. So wusste auch seine Frau vor vielen Jahren gleich, wer ihr Liebesbriefe geschrieben hatte.