SHMF

Ihre Liebe zu Bach ist grenzenlos

Reinbek. Der Auftritt konzentriert sich aufs Wesentliche, ganz in fernöstlicher Manier. Kein Gastgeber, der mit devoten Eröffnungsworten Ehrerbietung zollt. Das hat die Künstlerin sich verbeten. Stattdessen schreitet Pianistin Zhu Xiao-Mei am Donnerstagabend leise, fast schüchtern durch den voll besetzten Schlosssaal zu ihrem Instrument.

Und dann ist da nur noch das Werk, dem sie mit schlafwandlerischer Sicherheit höchste Geltung verleiht.

Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen sind im letzten Lebensjahrzehnt des großen Komponisten entstanden, zählen zu seinem anspruchsvollen Spätwerk. Trotz ihres strengen formalen Aufbaus gilt die etwa 75-minütige Reihe von 30 Variationen desselben Grundthemas als ideen- und abwechslungsreichstes Instrumentalwerk von Bach. Dieser komponierte sie als Auftragswerk für den Grafen Kaisering, der "gern einige Clavierstücke haben mochte" für seinen Pianisten Goldberg. Mit der in Paris lebenden Chinesin Zhu Xiao-Mei gelang es dem Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF), eine Ausnahmekünstlerin für den Abend im Reinbeker Schloss zu gewinnen, die als gefragte Dozentin selbst nur selten Konzerte gibt. Die Goldberg-Variationen haben ihr Künstlerleben begleitet wie kaum ein anderes, haben der jungen Pianistin über lange Jahre der Unterdrückung durch das kommunistische Regime hinweggeholfen, bilden das Gerüst ihrer 2007 veröffentlichten Biografie "Von Mao zu Bach".

Im Reinbeker Schloss trägt Zhu Xiao-Mei die Variationen durch den Saal wie ein lieb gewordenes Kleidungsstück. Längst braucht sie keine Notenblätter mehr, hat in all den Jahren jeden Ton verinnerlicht. Sie lässt Bachs komplexes Stück gelten, wie es ist, trotzt der Versuchung, dieser prallen Fülle von Harmonien und Stimmungen, Synkopen und Triolen noch eins draufzusetzen, mit Pedaleinsatz oder breitem Ritardando zu schwelgen. Sie weiß, dass ein Weniger hier ein Mehr sein muss.

Die lauten, schnellen, virtuosen Variationen aus dem Goldberg-Zyklus haben es ihr gar nicht mal so angetan - auch wenn sie diese mühelos beherrscht. Zhu Xiao-Meis wahre Liebe gilt den eher zaghaften, romantischen Andante- und Adagio-Passagen, die ihr kein bisschen verträumt, stattdessen mit meditativer Hingabe aus den Händen perlen.

Noch Sekunden nachdem der letzte Ton verklungen ist, herrscht im Schlosssaal andächtige Stille. Dann aber belohnt tosender Applaus die Künstlerin, die am Steinway-Flügel ein weiteres Mal ihr Herz geöffnet hat.