Eiserne Hochzeit

Vor 65 Jahren war Manfred Hildegards Glücksgriff

Reinbek (st). Vor 65 Jahren war prächtiges Sommerwetter mit 34 Grad Celsius im Schatten. Das weiß Manfred Bräuer noch genau, denn der 28. Juni 1947 war der Hochzeitstag des 91-Jährigen und seiner Frau Hildegard (92). Gestern konnte das rüstige Paar seine eiserne Hochzeit feiern.

Doch auch wenn der Sommer vor 65 Jahren noch hergab, was er versprach, war nicht alles Gold. Das Brautkleid und der Anzug des Bräutigams waren geliehen, die Zutaten für die Torte hatte Hildegard Bräuer gehamstert, wie das damals in der Nachkriegszeit hieß: Sie hatte sie beim Bauern gegen einige Dinge eingetauscht, weil es keine Lebensmittel zu kaufen gab. Doch trotz der harten Zeiten waren die beiden glücklich.

Gestern überlegte die 92-Jährige, während sie sich erinnerte: "Ich weiß gar nicht mehr, ob ich bei der Hochzeit in der Kirche auch etwas Blaues getragen habe." Egal, ihr Manfred war auf jeden Fall ihr Glücksgriff. Als er im Februar 1946 in Hamburg-Harvestehude an der Tür ihrer Eltern klingelte, war ihr das allerdings noch nicht bewusst. Sie war aus ihrer Winterhuder Wohnung ausgebombt, hatte sich in den Nachkriegswirren gerade von ihrem ersten Mann getrennt und war nun mit ihren drei kleinen Töchtern bei ihren Eltern untergekommen. Harte Zeiten. "Ich war gerade aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt", erzählte Manfred Bräuer. "Ich wollte Hildegards Schwager fragen, wie die Chancen waren, beim Zollamt unterzukommen." Hildegard gefiel ihm offenbar, denn er bot ihr an, auf ihre drei kleinen Mädchen aufzupassen, falls sie einmal weggehen wollte. Das kam bei der aparten 27-Jährigen an: Sie ging mit ihm aus, ins Theater. "Das konnten wir uns noch leisten, der Eintritt kostete meist nur ein Brikett zum Heizen", erzählt der eiserne Bräutigam. Immerhin musste er damals noch seine Ausbildung nachholen. Auf den Theaterabend folgten weitere: "Unsere Liebe wuchs langsam", sagt Manfred Bräuer. Außerdem gingen sie gemeinsam hamstern in Bardowick, Schneverdingen bis nach Otterndorf. "Ich brauchte für meine Mädchen doch etwas zu essen", erzählte die Reinbekerin. Ihr Manfred half, wo er konnte und die beiden wurden ein Paar.

Manfred Bräuer arbeitete im Freihafen auf verschiedenen Ämtern. Wenn sie die Zeit fanden, gingen die beiden weiter ins Theater. "Es war nicht immer eitel Sonnenschein", stellte die Jubilarin gestern fest. "Aber insgesamt haben wir uns gut verstanden."

Nach zehn Jahren kam die kleine Andrea zur Welt. Ihre Mutter nähte, häkelte und strickte alles selbst für ihre vier Mädchen. "Ich habe sogar Ballkleider für die Abtanzbälle genäht", berichtete die Jubilarin stolz. Denn getanzt wurde immer viel bei den Bräuers: "Zu den Konfirmationen haben wir die Wohnung ausgeräumt und die Möbel in den Keller gestellt, damit wir Platz zum Tanzen haben", erinnert sich Hildegard Bräuer. Noch heute geht sie einmal in der Woche zum Seniorentanz im Rickertsen-Haus. Ihr Manfred sorgt für den Sektausschank, weil er nicht mehr so flott auf den Beinen ist. Außerdem geht das Paar gern essen - wie gestern Abend im kleinen Kreis im Restaurant Waldesruh am See.