Lesung

"Er ist wie der Kumpel von nebenan"

Reinbek. Einen bekannten Fernseh-Schauspieler live und aus der Nähe zu sehen, ist manchmal enttäuschend.

Entweder ist er doch ganz anders als er sich vor der Kamera gibt oder viel kleiner als angenommen. Oder es ist irgendetwas anderes, das das bekannte Bild bröckeln lässt. Als Manfred Krug am Freitagabend zu einer Lesung in die voll besetzte Aula des St. Adolf Stifts kam, hatten viele der Zuhörer eher ein anderes Gefühl. "Er ist wie der Kumpel von nebenan. Es ist, als würde man ihn kennen", sagte die Glinderin Marlies Riecke. Ihrem Mann Wolfgang imponiert Krugs "natürliche Ausstrahlung, seine ehrliche Art. Das haben nicht viele Schauspieler".

Krugs natürliche Ausstrahlung machte die Lesung, zu der das St. Adolf Stift in der Reihe "Frühjahrsvorträge" eingeladen hatte, zu einem vergnüglichen und unaufgeregten Abend. Die Zuschauer konnten sich live oder vor dem Saal per Videoübertragung davon überzeugen, dass seine Stimme viel mehr Facetten hat als die schönen tiefen Nuancen, mit denen er als Liebling Kreuzberg und Tatortkommissar Paul Stoever sprach.

Die Brille halb auf der Nase, las Manfred Krug aus seinem Buch "Schweinegezadder" wahre und erfundene Geschichten. Etwa über eine Zugfahrt durch die Ostzone, während der ein junger Mann ins Visier der Zöllner gerät, weil er seinen Aktenkoffer nicht aufmachen will. Auf originelle Art schildert er die Spannung, bis der Koffer endlich aufgeht, und die Stille, als er endlich offen ist. Eine andere Geschichte handelt von den Vorzügen des Zusammenlebens mit einer Katze und welche Opfer man dafür bringen muss. In seiner Kurzgeschichte "Unser Kollektiv" beschreibt Krug das traditionelle Händeschütteln im volkseigenen Betrieb. Und den Stasispitzel, dessen Hände dabei immer besonders schwitzen und der an den Ohren beginnend errötet.

Im wahren Leben dürften es einige Stasispitzel gewesen sein, die seine Hände geschüttelt haben. Denn Krug beantragte für sich und seine Familie 1977 die Ausreise aus der DDR. Der Staat hatte für ihn seine Glaubwürdigkeit verloren. Die Erlaubnis, das Land einfach verlassen zu können, wäre damals vielleicht ein Grund für ihn gewesen, zu bleiben. Doch die Zeit vom Ausreiseantrag bis zur Genehmigung wurde die Odyssee eines nicht ganz linientreuen DDR-Bürgers, die er später in seinem Buch "Abgehauen" beschrieb.

Das hatten am Ende der Lesung auch viele Fans in der Hand, um sich ein Autogramm geben zu lassen. Die Reinbekerin Ursula Schmidt etwa, die ein Jahr vor Krug aus der DDR geflohen ist. "In dem Buch habe ich vieles wiedergefunden, was mir selbst widerfahren ist", sagt die 66-Jährige.

Krug gab Autogramme und kam mit den Leuten ins Gespräch. Begleitet wurde der 75-Jährige an diesem Abend von dem Jazzpianisten Matthias Bätzel. Denn Krug ist nicht nur leidenschaftlicher Schauspieler, sondern auch ein gefragter Jazzmusiker und -liebhaber.