Urteil

Vergewaltiger zieht vor den BGH

Reinbek/Karlsruhe. Den gesamten Prozess über hatte er beharrlich geschwiegen. Selbst seinem eigenen Anwalt gelang es nicht, ihn zum Sprechen zu bewegen. Das Urteil - acht Jahre und neun Monate - hatte er regungslos entgegengenommen.

Jetzt geht Stefan H. (29) in die Offensive. Der Mann, der als "Reinbeker Vergewaltiger" die Stadt monatelang in Angst und Schrecken versetzt hatte, zieht vor den Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe. Dort liegt seit gestern Morgen der Revisionsantrag des Wentorfers vor.

Die Begründung: "Das Strafmaß von acht Jahren und neun Monaten ist zu hoch angesetzt", sagt Verteidiger Christian-Albrecht Hamstedt. Mit dem Urteil habe die Richterin zwei Jahre über dem Antrag der Staatsanwaltschaft und vier Jahre über dem der Verteidigung gelegen. Zudem müsse berücksichtigt werden, dass es sich bei Stefan H. um einen Ersttäter handelte.

Der Bundesgerichtshof - die letzte Instanz in Zivil- und Strafverfahren - wird nun genau das prüfen. Eine komplett neue Beweisaufnahme wird es allerdings nicht geben.

Für die Frauen, die Stefan H. vergewaltigt und brutal überfallen hat, ist bereits der Revisionsantrag ein weiterer Schlag ins Gesicht. "Ich habe meine Mandantin davon unterrichtet und versucht, sie zu beruhigen", sagte die Hamburger Rechtsanwältin Claudia Krüger gegenüber unserer Zeitung. Sie vertritt Sandra B. (22), jene junge Frau, die Stefan H. am 28. März 2010 nach einer Party im Sachsenwald-Forum überfallen und hinter dem Bahnhof brutal vergewaltigt hatte. Durch den Revisionsantrag beim Bundesgerichtshof verzögert sich nun auch die Zivilklage, die Anwältin Claudia Krüger für ihre Mandantin einreichen wird. Es geht unter anderem um Schmerzensgeld und Schadensersatz.

Auch Melanie D. (39), die der Vergewaltiger am 20. März 2011 ebenfalls nach einer Feier im Sachsenwald-Forum auf dem Heimweg überfallen hatte, leidet noch heute unter der Gewalt. Der Weg ins normale Leben ist für sie und andere Opfer schwer.

Allein die Tatsache, dass die Revision beim Bundesgerichtshof vorliegt, heißt jedoch nicht, dass sie auch Aussicht auf Erfolg hat. Sollte dies aber der Fall sein, wird das Urteil aufgehoben, das Landgericht Lübeck muss den Fall erneut verhandeln. Dieser Prozess kann Monate dauern.

Monate, in denen auch die Opfer wieder an das erinnert werden, was ihnen widerfahren ist. Melanie D. möchte, wie berichtet, jedoch einfach nur eins: wieder fröhlich sein können.