Forschungssensation

Er hat Bismarcks Stimme entdeckt

Aumühle/Friedrichsruh. Seine Entdeckung war eine Sensation, die sogar der New York Times eine Schlagzeile wert war: Ton-Restaurator Stephan Puille (47) aus Berlin hat die Stimme Otto von Bismarcks auf einer frühen Tonaufnahme identifiziert.

Gestern Vormittag berichtete er etwa 160 Interessierten im Augustinum, warum das einzigartige Tondokument jetzt nach 122 Jahren wieder aufgetaucht ist, wie er daran gelangt ist, und wie er die Stimme identifiziert hat.

Die historische Tonaufnahme war in der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh spätestens seit 2005 durch verschiedene Dokumente als authentisch bestätigt worden, erläuterte Dr. Andreas von Seggern gestern: "Nur an die verdammte Stimme sind wir nicht herangekommen!"

Denn dieses entscheidende Puzzleteil war in Gestalt einer Walze ebenfalls bis zum Jahr 2005 im Archiv des Thomas Edison Historical Parks in New Jersey, USA, fast in Vergessenheit geraten. Der Kurator Gerald Fabris hatte 39 000 historische Aufnahmen zu inventarisieren. Schon auf der Karteikarte für die Holzkiste mit insgesamt 21 Walzen, die am 11. September 1957 in einem Wandschrank hinter Edisons Bett gefunden wurde, stand mit Fragezeichen versehen: "Deutsch?". Fabris schickte 2011 eine digitalisierte Aufnahme des Originals an den Wissenschaftler Patrick Feaster, der Stephan Puille gut kannte. Im vergangenen Jahr erhielt der Berliner Ton-Restaurator Puille von ihm eine E-Mail aus den USA: Ob er Interesse an einem Datensatz mit Tondokumenten von Theodor Wangemann habe? Der ließ sich nicht zweimal fragen: "Ich beschäftige mich seit 15 Jahren mit frühen Tondokumenten, kenne die Quellen."

Schon das erste Wort der Aufnahme brachte ihn auf die richtige Spur: "Friedrichsruh". Denn Wangemann nannte als Ansage zunächst Ort und Datum, bevor er nach etwa 20 Sekunden Bismarck das Wort überließ. Denn seine Worte hatten schon 1889 weltweit Schlagzeilen gemacht. Puille gelang es, mit Hilfe der Quellen Wort für Wort zu rekonstruieren. Denn die Aufnahme ist heute nur noch schwer zu verstehen, wie Puille demonstrierte und versicherte: "Ich habe die Stimme mittlerweile 100-mal gehört. Mit der Zeit versteht man sie immer besser." Die Walze habe durch häufiges Abspielen gelitten.

Puille hat das Original noch nie in den Händen gehalten hat, wohl aber die Walze von Johannes Brahms. Er erläuterte, wie der von Edison 1877 erfundene "Phonograph" funktioniert: "Der recht schwere Elektromotor mit Riemenscheibe treibt eine Welle an, auf die die Walze gesteckt wird. Die ist mit wachsartiger Metallseife überzogen." Herzstücke des Gerätes sind die Aufnahme- und die Wiedergabeschalldose: "Durch den Sprechschlauch treffen die Schallwellen auf eine Glasmembran in der Aufnahmedose. Ihre Vibrationen werden an einen Stichel weitergegeben, der kleine Berge und Täler in das Wachs gräbt. So ergibt sich ein Gewinde feiner Rillen auf der Walze. Beim Abspielen der Aufnahme gleitet ein abgerundeter Dorn über die Rillen. Die Schwingungen versetzen wiederum die Membran der Wiedergabeschalldose in Bewegung. Diese Wellen werden durch den Hörschlauch als Töne wahrgenommen. Ein Drehzahlregler sorgte für konstante Geschwindigkeit. "

Etwa bis zum Ersten Weltkrieg war der Phonograph noch in Gebrauch. Schon zu Bismarcks Zeiten wollte man 10 000 Walzen reproduzieren, um sie an alle wichtigen Amtsstellen zu verkaufen. Technisch damals unmöglich, sagt Puille. In einer exklusiven Auflage sollen sie jetzt jedoch in stabilem Kunstharz für den Phonographen reproduziert werden.