Filmtheater

Vor 50 Jahren ging der Vorhang auf

Reinbek. Es war eine Show, die seinerzeit ihresgleichen gesucht hat. Die Filmvorführungen im "Carpe diem" - einem der modernsten Kinos in Deutschland in den 1960er-Jahren - nennen Zeitzeugen schlicht "atemberaubend".

Genau vor 50 Jahren, 1962, hat sich der Reinbeker Heinz Wemper mit der Eröffnung des Totalfilmtheaters an der Danziger Straße einen Traum erfüllt. Dort, wo früher Leinwandgrößen aufspielten, stand später ein Supermarkt, auch ein Getränkehandel. Jetzt entstehen auf dem Gelände neue Wohnungen.

Im Carpe Diem saßen die Zuschauer mitten im Geschehen. Während sie hinter einer Glasscheibe Brause tranken oder Salzstangen knabberten, waren sie von drei Seiten von den Filmbildern umgeben. Weg von der Schaubude mit Frontalunterhaltung hin zum Panoramaspaß. Geboten wurden eine vier Kanal Magnettonanlage, 26 Lautsprecher und eine ausgeklügelte Anordnung der 400 Sitze. Das Filmtheater war damit durchaus Konkurrenz für den Fernseher, der in vielen Wohnzimmern den Siegeszug angetreten hatte.

"Ich erinnere mich noch an ,Lawrence of Arabien' mit Peter O'Toole, als die Beduinen Akaba stürmten", sagt der Reinbeker Autor und Historiker Dirk Bavendamm. Fast meinte er damals während der Vorstellung, den Wüstensand zwischen den Zähnen knirschen zu hören. Er war damals 24 Jahre alt und hat Heinz Wemper als geradezu mondäne Erscheinung in Erinnerung. "Er trug immer einen Kamelhaarmantel und die Haare zurück gegeelt. Ungewöhnlich im eher provinziellen Reinbek", sagt Bavendamm. Wemper, der als Schauspieler mit Größen wie Marlene Dietrich, Hans Albers und Heinz Rühmann selbst vor der Kamera stand, wollte das Großstadtkino in die kleinen Städte bringen. Ihm war klar: Die Großstädter, die der guten Luft und der Ruhe wegen in den Sachsenwald nach Reinbek zogen, fahren abends nach Feierabend nicht mehr nach Hamburg. Sie wollten gute Unterhaltung vor Ort. Der Erfolg seines Sachsenwaldtheaters, das er seit 1953 leitete, schien ihm Recht zu geben. Mit Wemper erlebte Reinbek die ersten kulturellen Höhepunkte in der Nachkriegszeit. Durch seine guten Beziehungen gelang es ihm beispielsweise immer wieder, bekannte Schauspieler ins kleine Reinbek zu holen.

"Kino und Theater, das waren Erlebnisse, für die sich viele Besucher besonders schick machten", erinnert sich Gisela Manzel, Vorsitzende des Museumsvereins. Es war ein gesellschaftliches Ereignis, das mit dem heute sehr viel selbstverständlicheren Besuch kultureller Veranstaltungen nicht zu vergleichen sei. In der Zeit der Käse-Igel und farbigen Sektgläser trugen die Damen hochgesteckte Frisuren und frauliche Kleider, wenn die ersten James-Bond-Filme liefen, Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany brillierte und der Schatz im Silbersee gehoben wurde.

Obwohl Wempers neuartiges Kino spektakulär war und von vielen deutschen und ausländischen Filmtheatern übernommen wurde, erzielte es langfristig in Reinbek nicht den Erfolg, den der Leiter sich versprach. Das Kino musste schon nach zwei Jahren wieder schließen. Der letzte Vorhang fiel 1964.