Bismarck-Stiftung

Historiker findet zufällig Schulheft des letzten Kaisers

Aumühle. Eine feste Stelle ist für einen Historiker so etwas wie ein Lottogewinn. Da war es für die junge Familie von Dr. Ulf Morgenstern keine Frage, dass sie mit ihm von Leipzig in den Norden zogen. Seit gut einem Jahr arbeitet der 33-Jährige in der Friedrichsruher Bismarck-Stiftung.

Mit seiner Ehefrau, zwei Töchtern und einem Sohn (2/3/5) wohnt er in Rahlstedt, obwohl die neue Wunschheimat Bergedorf wäre. "Hier haben wir leider noch nichts Passendes gefunden", bedauert er. Vielleicht hilft aber noch einmal der Zufall. Denn Morgensterns beruflicher Wechsel scheint unter einem glücklichen Stern zu stehen. Schließlich hat er einen kleinen Schatz als "Einstands-Geschenk" für das Friedrichsruher Archiv mit Dokumenten aus dem Leben und Wirken von Fürst Otto von Bismarck (1815-1898) mitgebracht. Ein Schulheft Wilhelms II. - der letzte deutsche Kaiser - der Bismarck 1890 entlassen hatte.

In verstaubten Mappen lagerte ein Schatz

"Ich hatte einem Freund erzählt, dass ich künftig in der Bismarck-Stiftung arbeite", erzählt Morgenstern. Er sagte daraufhin' einen Bismarck-Brief haben wir auch zu Hause, den kannst du dir gern einmal ansehen." Und es kam noch besser. Als Morgenstern den Schatz seines Freundes im Lesesessel sichtete, schnellte sein Puls schlagartig in die Höhe. In den verstaubten Mappen, die über Jahrzehnte auf dem Dachboden gelagert hatten, fand er eben jenes Schulheft Wilhelm II (1859-1941).

Aber wie kam das Dokument aus Pennäler-Zeiten des Hohenzollern-Prinzen auf den Dachboden? Aufklären lässt sich das heute nicht mehr. Irgendwann landete es in einer umfangreichen Autographensammlung. "Die Urgroßmutter meines Freundes war im 19. Jahrhundert Autogrammjägerin", sagt Morgenstern. Sie hat über Jahrzehnte unzählige Schriftstücke mit Unterschriften Prominenter gesammelt.

Wenigstens eine Spur gibt es und die führt zu Bismarck. In Friedrichruh, wo es 1892 nur ein Schloss und ein eigenes Postamt gab, wurde ein Brief abgestempelt. Der unbekannte Absender hatte das Schulheft in den Händen und bei der Witwe des einstigen Deutschlehrers um ein Echtheitszertifikat gebeten. War es der Kanzler? Möglich, dass er dachte, dem Kaiser mit dem kompromittierenden Schulheft schaden zu können. "Vorstellbar ist eine konspirative Aktion des Reichskanzlers durchaus", schreibt Morgenstern in einem Sonderheft der Friedrichsruher Beiträge unter dem Titel "Lehrjahre eines neoabsoluten Monarchen - Kaiser Wilhelm II. als Kasseler Abiturient im Spiegel eines unbekannten Aufsatzheftes".

Schriftproben belegen die Echtheit des Heftes

Dafür spreche einiges, denn gute Noten zeichneten die Aufsätze des jungen Prinzen nicht aus. Und tatsächlich: Die Antwort der Witwe des Lehrers und Schriftproben belegen die Echtheit des Heftes, das künftig das Friedrichsruher Archiv bereichert.

"Von April bis Dezember 1875 hat der seinerzeit 15-jährige Prinz in dem Heft sechs Deutsche Aufsätze niedergeschrieben. Der erste ist überschrieben "Contrastirende Charaktere in Göthe's Götz von Berlichingen". Auf Seite 17 fällt der Deutschlehrer mit der Note 5+ ein vernichtendes Urteil. Namen der Personen seien nicht werktreu verwendet, hinzukommen orthografische Fehler.

Wilhelm, der aufgrund einer Geburt in Steißlage unter einer Verletzung litt, war der erste Hohenzollernprinz, der eine reguläre Schule besuchte. Er konnte seinen linken Arm nur eingeschränkt bewegen. Umso mehr wurde der Thronfolger gefordert und getrimmt, vor allem von seiner ehrgeizigen Mutter, Kronprinzessin Victoria.

Das Gefühl der Unzufriedenheit über den nur ebenso regierungsfähigen Nachwuchs trübt dauerhaft ihr Verhältnis zu ihrem ältesten Sohn. Das zufällig entdeckte Heft werfe ein Streiflicht auf die schwierige Schulzeit des späteren Monarchen, ist Morgenstern sicher.

Das Aufsatzheft ist Teil einer privaten Autogrammsammlung. Besitzer sind die Erben zweier Damen, die vom 19. Jahrhundert bis in die 1960er-Jahre Autographen prominenter Zeitgenossen sammelten. Morgenstern bereitet eine Ausstellung vor. Den Sonderband "Lehrjahre" gibt es für drei Euro bei der Bismarck-Stiftung, Am Bahnhof 2.