Homosexualität

Das andere Ufer rückt näher

Foto: Böttcher

Bergedorf. Zusammen Duschen, Umarmungen und einen motivierenden Klaps auf den Hintern - das gehört für jeden Fußballer zum Tagesgeschäft. Doch was ist, wenn einer von ihnen schwul ist?

Dieser Frage ging der NDR nach und befragte die Fußballer des SC Vier- und Marschlande zu diesem Thema. Der Anlass: Marc Urban, ein ehemaliger deutscher Jungnationalspieler, hat sich als schwul geoutet und war in der Sendung "DAS!" zu Gast, um über seine Erfahrungen nach dem Coming-Out zu sprechen. Als Einstimmung auf das sensible Thema zeigte der NDR Bilder und Interviews vom SCVM-Training. Der Grundtenor am Deich? Eigentlich kein Problem.

Doch wie sehen das die Trainer aus dem Heimatgebiet? Was ist, wenn ein Spieler plötzlich sagt: "Trainer, ich bin homosexuell?" Für Burhan Öztürk, Coach des FSV Geesthacht, wäre das kein Problem: "Natürlich wäre es am Anfang merkwürdig, aber alles Neue ist merkwürdig. Irgendwann gewöhnt man sich daran." Denn entscheidend für Öztürk ist der Mensch: "Irgendwann sieht man das nicht mehr, sondern nur noch den Menschen an sich."

Eine sehr liberale Einstellung für einen Anhänger des muslimischen Glaubens, das weiß auch Öztürk: "Bei uns ist das sehr verpönt, aber ich habe kein Problem damit." Ähnlich sieht es Stefan Kohfahl, Trainer des Oststeinbeker SV: "Ich hätte kein Problem damit und die Spieler sicher auch nicht." Was Kohfahl allerdings zu Bedenken gibt, ist der Nutzen, den ein Coming-Out nach sich zieht. "Aus Selbstschutz würde ich demjenigen raten, sich nicht zu outen." Zunächst müssten die Profis in Vorleistung gehen, ehe im Amateurbereich problemlos mit dem Thema "Homosexualität" umgegangen werden könne.

In die gleiche Kerbe schlägt auch Jörn Geffert. Der Coach des VfL Lohbrügge schätzt die Gefahren des Outings als zu hoch ein: "Es entsteht zu viel Druck, daran kann ein Mensch zerbrechen." Auf und neben dem Platz würden immer noch männliche Klischees herrschen, Homosexualität würde gemeinhin immer noch mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht werden.

"Das ist absoluter Schwachsinn", schimpft Carsten Stock. Er ist Leiter der Fußballabteilung vom "Startschuss Schwul/Lesbischer Sportverein Hamburg". Der 1990 gegründete Klub hat mittlerweile 650 Mitglieder, darunter auch Fußballer, die am Mittleren Landweg trainieren. "Dass Schwule feminin sind, ist ein Klischee. Die Wirklichkeit ist eine andere", sagt Stock. Der Mehrzahl würde man es gar nicht ansehen, schon gar nicht den Fußballern, so der Abteilungsleiter. Dass sich solche Klischees in der Gesellschaft etablieren konnten, daran gibt er zum großen Teil den Medien die Schuld: "Sie prägen das Bild des tuntigen Schwulen, weil alles Normale langweilig ist."

Doch wie lässt sich diese Phalanx durchbrechen? Die Fußballer von "Startschuss" diskutieren schon seit Längerem, ob sie nicht am regulären Spielbetrieb teilnehmen sollen. Momentan fahren die Mitglieder im Schnitt alle zwei Monate auf ein Turnier. Doch bisher gibt es keine Mehrheit für das Unterfangen. Stock versteht auch weshalb: "Diese Mannschaft stünde unter einem gewissen Erfolgsdruck." Denn wenn die Mannschaft keinen Erfolg habe, könnte sich schnell die Meinung einstellen: "Wir haben es schon immer gewusst." Das möchte "Startschuss" vermeiden. Doch irgendwann könnte es doch so sein, dass der OSV, die Lohbrügger oder die Geesthachter gegen ein Startschuss-Team antreten. Der allgemeine Tenor dazu wäre sicherlich: eigentlich kein Problem.