Jubiläumslauf

Der Mann der 1000 Marathons

Bergedorf. In ein paar Tagen wird sich Peter Wieneke an einen romantischen schwedischen See setzen, seine Angelrute auswerfen, die Füße baumeln lassen und einfach mal ein Weilchen still vor sich hin sitzen.

"Das geht auch", verspricht er. Viele solcher stillen Momente hat es im Leben des 65-Jährigen zuletzt nicht gegeben. Denn der gebürtige Geesthachter aus Hamfelde ist eigentlich immer in Bewegung. 999 Marathons und Ultraläufe ist er in den vergangenen 18 Jahren gerannt. Der Startschuss für die Nummer 1000 fällt am heutigen Sonnabend in Stockholm.

Monatelang hat er auf dieses Ziel hingearbeitet. "Ohne meine Familie hätte ich das alles nicht geschafft", betont er. Seine Frau Ann-Marie und seine Tochter Johanna sind mit dabei, wenn der frühere Bankfachwirt der Bergedorfer Hypo-Vereinsbank Geschichte schreiben will. Nur sieben Läufer weltweit haben mehr Marathons absolviert als er.

In Stockholm wartet ein Heimspiel. Seine Frau ist Schwedin, daher spricht Wieneke die Landessprache fließend. Das schwedische Frühstücksfernsehen hat schon für ein Interview angefragt, ebenso die Stockholmer Tageszeitungen. "Das ist das erste Mal, dass ich mit einem Handy laufe. Das ist sonst nicht mein Ding", blickt er etwas unsicher dem zu erwartenden Medienrummel entgegen.

Dabei wäre auf den letzten Drücker beinahe noch alles in die Hose gegangen. Bei Marathon Nummer 999 am vergangenen Wochenende im dänischen Ostseestädtchen Assens standen zehn Runden durch hügeliges Gelände auf dem Programm. 1000 Höhenmeter mussten die Aktiven bei 28 Grad Hitze überwinden. In der vorletzten Runde, schon von den Strapazen gezeichnet, übersah Wieneke eine Baumwurzel und stürzte. "Ich konnte mich gerade noch abfangen, das war knapp", mochte er sich gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn er sich ernsthaft verletzt hätte. Plötzlich zitterten die Beine. Der Hamfelder, der 63 000 Kilometer in 18 Jahren verletzungsfrei heruntergespult hatte, musste plötzlich um seinen 1000. Marathon bangen. In der Schlussrunde wurde die Angst so groß, dass Wieneke an der kritischen Stelle lieber ging und sich irgendwie ins Ziel rettete, in 6:24 Stunden zwar eineinhalb Stunden langsamer als sonst, aber unversehrt.

So konnte der große Tag also kommen. Heute vor exakt 100 Jahren wurde der Olympische Marathon der Spiele 1912 in Stockholm ausgetragen. Zur Feier des Tages geht es heute noch einmal auf die Original-Strecke von damals. Doch der Teufel lauert im Detail. Der Olympische Marathon 1912 war nämlich nur 40,2 Kilometer statt der sonst üblichen 42,195 Kilometer lang. Die Originalstrecke von damals würde für Wienekes Bilanz also gar nicht als vollwertiger Marathon zählen. Zum Glück bieten die Organisatoren am Schluss eine kleine Extra-Schleife an.

Somit steht dem historischen 1000. Marathon also nichts mehr entgegen. Vorausgesetzt Wieneke, der stets im Wohlfühl-Bereich läuft und so die Belastung schnell wegstecken kann, ergeht es heute nicht so wie damals vor 100 Jahren dem Japaner Kanaguri Shiso. Der kehrte während des Rennens bei einer schwedischen Familie ein, legte sich kurz hin - und erwachte erst am nächsten Tag.

"Das ist das erste Mal, dass ich mit einem Handy laufe. Das ist sonst nicht mein Ding" Peter Wieneke über das Medien-Interesse an seinem 1000. Marathonlauf