Vor 60 Jahren

Barfuß auf Grand

Bergedorf. Hockey und Kricket sind wohl die ersten Sportarten, die einem zu Indien einfallen. Aber Fußball? Auch die Bergedorfer versprachen sich an jenem 3. August 1952 wohl einen Hauch von Exotik, als sie in Scharen ins Billtalstadion strömten.

Etwa 15 000 Zuschauer kamen, um einem ungewöhnlichen, ja einmaligen Spiel beizuwohnen: Indien gegen den Hamburger SV. Die Verwunderung dürfte noch zugenommen haben, als die Südasiaten den Platz im damals zweitgrößten Hamburger Stadion betraten. Denn fünf der Inder spielten barfuß, die Füße nur durch Bandagen geschützt - und das auf Grand.

Die Asiaten kamen von den Olympischen Spielen in Helsinki, wo sie in der Vorrunde gegen den späteren Silbermedaillengewinner Jugoslawien mit 1:10 verloren hatten. Doch mit nur einem absolvierten Spiel wollte die Mannschaft aus dem Lande Mahatma Gandhis nicht die Heimreise antreten. Die Hintergründe, wie es zu dem Gastspiel in der Hansestadt kam, sind unbekannt. Dass die Partie in Bergedorf ausgetragen wurde und nicht im damaligen Stadion des Hamburger SV am Rothenbaum, dürfte an Heinz Werner gelegen haben. Der frühere HSV-Spieler war seit 1949 Trainer von Bergedorf 85 und hat sich vermutlich für die Austragung im Billtal stark gemacht, erinnert sich Jochen Meinke. Der heute 81-Jährige war beim Indien-Spiel der Jüngste im Dress der "Rothosen".

"Die Partie gegen Indien war natürlich etwas Besonderes für uns", sagt Meinke. Da die Hälfte der Inder barfuß kickte, was auf dem Subkontinent weitverbreitet war, wollten sich die Hamburger bei Zweikämpfen zurückzuhalten. Die Asiaten wiederum zeigten, dass sie eben nicht nur Hockey und Kricket spielen konnten. Ehe sich der große HSV versah, lag er zur Pause mit 1:3 zurück. Verteidiger Meinke erinnert sich an wieselflinke Stürmer, die ihm arge Probleme bereiteten.

In der zweiten Halbzeit machten die Hamburger dann ernst. Kurz vor Schluss schoss Werner Harden zum 5:3-Endstand ein. Meinke stand mittlerweile zwischen den Pfosten, da sich Otto Globisch verletzt hatte und der HSV nur mit einem Torhüter angereist war. Nach dem Schlusspfiff gingen die Spieler schnell auseinander. Die Hamburger mussten am nächsten Tag arbeiten wie Meinke, der eine Tankstelle betrieb. Profitum gab es ja noch nicht. Von den Indern sollten später einige zu Legenden werden. Wie ihr Kapitän Sailendra Nath Manna, der im Februar 2012 im Alter von 87 Jahren starb.