Sandjar Ahmadi

Wie ein Märchen aus 1001 Nacht

Fünfhausen. 21 Minuten waren im Fußball-Länderspiel zwischen Afghanistan und Sri Lanka gespielt, und die Afghanen mussten nach einem groben Abwehrschnitzer einem 0:1-Rückstand hinterherlaufen.

Doch dann schlug im 60 000 Zuschauer fassenden, aber spärlich gefüllten Jawaharlal Nehru Stadion von Neu Delhi die Stunde von Sandjar Ahmadi, dem Oberliga-Stürmer des SC Vier- und Marschlande. An der Strafraumgrenze bekam er den Ball zugespielt und hämmerte ihn aus vollem Lauf genau in den Winkel. Ein Traumtor! Und ein wichtiges dazu. Denn nach Ahmadis Treffer drehten die Afghanen die Begegnung, setzten sich noch mit 3:1 durch. So gewannen sie bei der südasiatischen Meisterschaft ihre Vorrundengruppe und bezwangen dann gestern im Halbfinale auch noch Nepal mit 1:0 nach Verlängerung. Jetzt treffen sie am Sonntag im Finale auf Gastgeber und Titelverteidiger Indien.

Dem gerade einmal 19 Jahre alten Sandjar Ahmadi muss das alles wie ein Traum vorkommen, wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Begonnen hatte alles am 2. Oktober, einem strahlenden Sonntagmorgen, als Ahmadi mit dem SCVM beim Tabellenführer SC Condor antreten musste. Was er nicht ahnte: Im Publikum befand sich ein Spielbeobachter des afghanischen Fußballverbandes. Ahmadi wirbelte die gegnerische Abwehr ein ums andere Mal durcheinander, legte schon in der ersten halben Stunde zwei Treffer für Marcel Ullrich auf. Kurz darauf bekam er den Anruf: "Wir wollen Dich für das Nationalteam."

Fußball für Afghanistan zu spielen, dass ist für den Vierländer Ahmadi eine Herzensangelegenheit. "Ich bin in Kabul geboren und 1999 mit meinen Eltern und meinen Geschwistern nach Deutschland gekommen", erzählt er. "Ich fühle mich hier wohl. Deutschland ist jetzt meine Heimat, aber ich bin sehr stolz darauf, Afghane zu sein und für mein Land spielen zu dürfen."

Die Teamkollegen daheim unterrichtet der Abiturient per Internet-Tagebuch von seinen Erlebnissen, schwärmt von der luxuriösen Ausstattung seines Hotels im Trainingslager in Dubai mit Fußballfeld, Schwimmhalle, Sauna, Tennisplatz und Fitnessraum. Das afghanische Team ist bunt zusammengewürfelt, unter anderem mit Spielern aus den USA, Norwegen und eben Deutschland. Die südasiatischen Meisterschaften als Karriere-Sprungbrett. An der Entschlossenheit des 19-Jährigen dürfte es wohl kaum scheitern. "Sandjar ist absolut heiß auf Fußball", schwärmt SCVM-Co-Trainer Benjamin Scherner. SCVM-Coach Jan Schönteich bleibt trotzdem skeptisch. "Wenn er wirklich etwas erreichen will, muss Sandjar nächste Saison eine Klasse höher spielen", blickt er voraus, "es war ja bisher nicht so, dass er die Oberliga zerschossen hätte. Aber vom Kopf her traue ich es ihm zu, einen solchen Weg zu gehen."

Wer weiß, vielleicht wartet auf Sandjar Ahmadi in seiner Fußballkarriere auch nach dem Abenteuer in Neu Delhi noch so manches Märchen aus 1001 Nacht.