"Opa rief: Montgomerys Truppen sind da!"

29. April 1945: Hitler verfasst sein Testament. Unter dem neuen Staatskanzler Karl Renner tritt die provisorische Regierung Österreichs zusammen. US-Truppen befreien das Konzentrationslager Dachau. Deutschland kapitulierte im italienischen Caserta vor dem britischen Feldmarschall Harold Alexander.

Von Monika P. Retzlaff

Lauenburg.
Horst Ohle notierte als Zehnjähriger seine Lauenburger Kriegserlebnisse in einem Tagebuch. Nach 2002 vervollständigte er seine Erinnerungen und schrieb in Druckschrift ein Manuskript für ein Buch. Der Heimatbund und Geschichtsverein illustrierte den Text mit Bildern und veröffentlichte Ende vergangenen Jahres das Buch "Erlebnisberichte der Jahre 1940 bis 1945". Wir blättern heute in den Aufzeichnungen vom 29. April 1945.

Darin schildert Horst Ohle die schreckliche Nacht, in der Lauenburg von den Briten erobert wurde. Die Familie hockte im Keller und wartete auf das Ende, denn kurz vor Mitternacht "setzte mit einem Paukenschlag einem Orkan gleich, ein fürchterliches Trommelfeuer ein". Immer mehr Bewohner aus dem Büchener Weg strömten in den Keller der Familie Ohle. 24 Menschen saßen dort nun dicht gedrängt.

Um 5 Uhr ließ das Getöse etwas nach, und um 6 Uhr stieg Großvater Karl Ohle nach oben, um zu sehen, wie es draußen aussieht. Er war schnell wieder unten. "Montgomerys Truppen sind da!", rief er. Wenig später erschien ein englischer Stoßtrupp im Keller und suchte nach versteckten Soldaten. Der Opa musste die Briten durch das Haus und den Stall führen. Danach erschien er mit dem Offizier wieder im Keller. Er richtete Worte über das Schicksal Lauenburgs an die Menschen im Keller, die ewig an dem Jungen haften blieben: "Hätten die deutschen Truppen aus Stellungen in der Stadt nur noch 15 Minuten länger zurückgeschossen, dann hätte Feldmarschall Montgomery schwere Bomber angefordert. Die warteten auf den Einsatzbefehl gegen Lauenburg. Dann gäbe es diese Stadt jetzt nicht mehr." Horst und seiner Familie lief es eiskalt über den Rücken. Welch ein Glück, dass alle die Nacht unbeschadet überstanden hatten.

Dann verabschiedeten sich die Briten mit "Auf Wiedersehen!" Horst und sein Großvater gingen mit nach oben. Die Briten fragten, was denn die Baumstämme bewirken sollen, die er vor dem Haus geschichtet hatte. "Eine Panzersperre", sagte der Opa. Die Briten lachten sich kaputt.

Später kamen sie mit einem Laster, nahmen sämtliches Feuerholz, das die Familie in Meilern gestapelt hatte mit, auch die Baumstämme vor der Tür. Drei Tage später musste Familie Ohle innerhalb von zwei Stunden das Haus räumen. Kaugummi kauend standen die britischen Panzersoldaten im Türrahmen und sahen beim Packen zu. Elf Soldaten bezogen Quartier im Haus, die Ohles kamen notdürftig bei Nachbarn unter. Aber nach drei Tagen war der Spuk vorbei, die Briten zogen weiter.

"Am Nachmittag des 29. April begann eine völlig sinnlose Schießerei. Lauenburg wurde von einer deutschen schweren Flakbatterie, die im Bornholz bei Gülzow stand, beschossen. Auch jetzt gab es wieder Tote und Verwundete zu beklagen", schreibt Ohle. Ein englischer Kradmelder bekam vor seinen Augen einen Splitter in den Kopf, stürzte vom Motorrad und war sofort tot. "Kamerad kaputt", sagte ein Sanitäter.

Horst Ohle beschreibt in den "Erlebnisberichten der Jahre 1940 bis 1945" auch die Nachkriegszeit in Lauenburg. Zum Preis von 10 Euro kann das Buch bei Horst Eggert (Telefon 041 53/24 87) erworben werden.