Ein-Euro-Jobs

Wer schwach ist, fällt durchs Raster

Lauenburg. Es klingt zunächst mal gut: Mit dem am 1. April in Kraft tretenden "Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt" sollen Menschen ohne Job gezielter als bisher in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden.

Ein weiterer "Nebeneffekt" der sogenannten Instrumentenreform: Einsparpotenziale in Milliardenhöhe. Doch Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände schlagen Alarm. Sie befürchten einen dramatischen Rückgang der Förderungen für Langzeitarbeitslose, denn dafür stehen in diesem Jahr 2,2 Milliarden Euro weniger zur Verfügung als 2010. So wurden unter anderem die Vorschriften für Ein-Euro-Jobs drastisch verschärft. Sie sollen künftig von den Jobcentern nachrangig gegenüber anderen Maßnahmen der beruflichen Eingliederung gewährt werden.

Die Menschen, die zu Norbert Schlachtberger kommen, profitieren kaum von der gegenwärtigen Erholung auf dem Arbeitsmarkt. Der Fallmanager des Jobcenters in Geesthacht betreut Kunden, die mehr als zwei Jahre arbeitslos sind und darüber hinaus meist einen Rucksack voller Probleme mit sich rumschleppen. "Viele von ihnen sind schon so lange zu Hause, dass sie eine feste Tagesstruktur aufgegeben haben. Selbst morgens regelmäßig aufzustehen, ist nicht mehr selbstverständlich", weiß er. Dazu kämen oft abgebrochene Ausbildungen, desolate Familienverhältnisse und riesige Schuldenberge. "In solchen Fällen ist es den Betroffenen ohne Begleitung nicht möglich, den Anforderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu entsprechen, egal wie viele offene Stellen es gibt."

"Die Arbeit hier hat mich vor dem Stumpfsinn gerettet", ist Börge Wendisch überzeugt. Er arbeitet seit einer Woche im Lauenburger Sozialkaufhaus der Awo. Einen Beruf hat der 30-Jährige nicht gelernt. Seine Jugend sei nicht so verlaufen, wie sie sollte, deutet er nur an. Ins Sozialkaufhaus sei er eigentlich als Kunde gekommen, jetzt gehört er zum Team der sieben Ein-Euro-Jobber, die zurzeit hier arbeiten. "Mir gefällt, dass hier jeder so genommen wird, wie er ist, egal was früher war."

"Das unterscheidet uns eben von Wirtschaftsunternehmen, in denen gilt: entweder du funktionierst, oder du fliegst", sagt Bodo Krüger, Leiter der Awo-Sozialkaufhäuser in Lauenburg und Geesthacht. Dies hieße jedoch nicht, dass jeder machen könne, was er wolle. "Unsere Mitarbeiter müssen auch Spielregeln befolgen, haben aber etwas mehr Zeit, diese zu lernen." Monate, wenn nicht Jahre würde es mitunter dauern, bis ein geregelter Arbeitstag selbstverständlich wird, sind sich Krüger und Schlachtberger einig.

Falk Meißner kann sich inzwischen nicht mehr vorstellen, zu Hause "Däumchen zu drehen". Vor drei Jahren arbeitete er zum ersten Mal als Ein-Euro-Jobber im Kaufhaus. Mehrmals wurde die Maßnahme verlängert, dann nicht mehr. Jetzt absolviert er hier ein freiwilliges soziales Jahr. Das ist fast vorbei. Was dann kommt, weiß er nicht. Hoffnung auf einen "richtigen" Job habe er nicht mehr, egal was die Zeitungen über die vielen offenen Stellen schreiben: "Ich bin 47 Jahre, habe nichts Ordentliches gelernt und mein Rücken ist kaputt. Leute wie mich braucht niemand."