Serie: Vor 65 Jahren

Als der Krieg nach Lauenburg kam

Lauenburg. "Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!" - mit diesen Worten verkündete Adolf Hitler am 1. September 1939 den Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Eine fingierte Meldung, denn der vermeintliche Angriff polnischer Kämpfer auf den deutschen Radiosender Gleiwitz war von deutschen SS-Männern in Zivil verübt worden.

Fünfeinhalb Jahre später wurde dann tatsächlich "zurückgeschossen": Am 19. April 1945 erreichten britische Verbände die Elbe bei Lauenburg. Die letzte geplante Schlacht des Zweiten Weltkriegs begann. In den nächsten Ausgaben erinnern wir an die letzten Kriegstage vor 65 Jahren.

Die 2. britische Heeresgruppe unter dem Kommando von Feldmarshall Bernhard Law Montgomery war schnell nach Norden vorgestoßen. In Lauenburg erwartete sie die sogenannte "Armee Blumentritt": Der deutsche General Günther Blumentritt befehligte eine bunte Mischung aus versprengten Wehrmachtseinheiten, Polizisten, Gruppen des Reichsarbeitsdienstes, Volksturm und 16 bis 19 Jahre alten Jugendlichen, die mit mangelhafter Ausbildung und Ausrüstung an die Front geschickt wurden.

Nachdem britische Panzer am 19. April Hohnstorf erreichten, sprengten deutsche Pioniere abends die Elbbrücke. Die Briten sammelten sich in aller Ruhe. Verhandlungen für eine kampflose Übergabe der Elbestadt scheiterten am 27. April. Es gelang nicht, eine Telefonverbindung zum deutschen Korps-Kommandeur herzustellen. Der befehlshabende Offizier in Lauenburg wollte die Entscheidung nicht treffen, galt doch in den letzten Kriegstagen der "Nero-Befehl": Soldaten und Zivilisten, die aufgeben wollten, wurden von fliegenden Standgerichten abgeurteilt und erschossen.

Am Sonnabend, 28. April, begann um 22.30 Uhr die Operation "Enterprise": Britische Artillerie beschoss zunächst die Altstadt, konzentrierte gegen 2 Uhr ihr Feuer auf den Geesthang. Im Schatten des Trommelfeuers rollten die Schwimmpanzer des Typs "Buffalo" den Deich hinab und überquerten die Elbe. Gegen 6 Uhr morgens hatten Briten die Stadt erobert und bauten Pontonbrücken, um weiteres Material und Truppen über den Fluss zu schaffen.

"Ein fünfstündiges Trommelfeuer ließ uns zwölf Menschen im Keller zittern und beben. Krachen, Splittern und Fensterklirren ließen uns keinen Augenblick zur Ruhe kommen", erinnert sich der damalige Lehrer Christian Boysen an die Nacht zum 29. April. Und Margit Eggert, damals ein sechsjähriges Mädchen, beschreibt in der aktuellen Ausgabe der "Lauenburgischen Heimat", wie ein Blindgänger ihr Elternhaus traf: "Die Granate ging schräg durch den Fußboden und weiter schräg durch die Wand des darunter liegenden Wohnzimmers in das anliegende Schlafzimmer."

Bei der Schlacht zwischen Lauenburg, Büchen und Geesthacht starben etwa 2000 Menschen, darunter Jugendliche wie der erst 16-jährige Siegfried Günther (siehe rechts) oder der ein Jahr ältere Nikolaus Loeck, der in Schnakenbek zwei "Buffalo"-Panzer mit einer Panzerfaust zerstörte, bevor er selbst getroffen wurde. Ein sinnloser Tod: Zehn Tage später, am 8. Mai 1945, war der Krieg zu Ende.

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