Rollstuhltraining

Hürden auf zwei Rädern meistern

Glinde. Hohe Bordsteinkanten, Steigungen und Schrägen - wie Rollstuhlfahrer solche und andere Hindernisse schadlos bewältigen, lernten sie jetzt bei einem sechsstündige Rollstuhltraining des Deutschen Rollstuhlsportverbandes.

Das hatte Monika Dannehl für die Selbsthilfegruppe MS-Treff Glinde organisiert.

Die Glinderin ist eine von etwa 130 000 Menschen in Deutschland, die unter Multipler Sklerose leiden - einer Krankheit, die Entzündungen des Nervengewebes im Gehirn und Rückenmark verursacht: Die Folge sind Taubheitsgefühle, Lähmungen, Sprach-, Seh- und Gleichgewichtsstörungen, Muskelschwäche und Schmerzen. Viele Betroffene sind auf einen Rollstuhl angewiesen.

Hohe Bordsteinkanten und steile Rampen

Bei dem Training im Evangelischen Gemeindehaus übten MS-Kranke aus Glinde Basics wie ökonomisches Fahren und Drehen, die richtige Gewichtsverlagerung beim Bremsen und rückenschonendes Sitzen und bewältigten einen anspruchsvollen Hindernisparcours.

Hindernisse müssen sie im täglichen Leben in Glinde bezwingen, etwa abgesenkte Bordsteine, die immer noch viel zu hoch sind. Oder die Rampe am Mühlencenter, die zu steil und zu schmal ist. Auch der Weg vom Oher Weg zum Rathaus ist für Rollstuhlfahrer eine Herausforderung.

"Mit den Referenten vom Deutschen Rollstuhlsportverband konnten wir im geschützten Rahmen alles ausprobieren, was uns im Alltag mehr Sicherheit geben wird", sagt Organisatorin Dannehl. Mit dem Verfolgungs- und Behinderungsspiel "Romeo und Julia" testeten die beiden Trainer Holger Siek und Annette Kahl erst mal die Fitness und Beweglichkeit aller Teilnehmer. Für Angehörige hatten sie Aktivrollstühle mitgebracht. So kreuzten zwölf Rolli-Fahrer in zwei Gruppen durch die Halle des Gemeindehauses, um zu verhindern, dass Romeo und Julia zueinanderfinden.

"Multiple Sklerose ist eine Krankheit mit 1000 Gesichtern", sagt Monika Dannehl. Durch die Unterschiedlichkeit der Erkrankung und den damit verbundenen Bewegungseinschränkungen muss der Rollstuhl individuell angepasst werden. Um viele verschiedene Rolli-Typen auszuprobieren, tauschten die Teilnehmer bei jeder Übungseinheit die Rollis untereinander: Manuelle, mit Motor betriebene, mit geradem oder schrägen Rädern.

Holger Siek demonstrierte, wie der Rolli mit geringer Kraftanstrengung angetrieben wird, ohne langfristig die Nackenmuskulatur zu verspannen. "Die Räder aus der 12-Uhr-Position mit Druck nach vorn anschieben und dabei die Arme locker runterfallen lassen", erklärte er.

A und O für alle Rolli-Fahrer ist die richtige Balance mittels Gewichtsverlagerung. Mut und Überwindung brauchten die Teilnehmer am Hindernisparcours beim Befahren der hölzernen Rampen mit Gefälle, Stufen und Unebenheiten.

Große Hilfsbereitschaft macht Rolli-Fahrern Mut

Um eine Steigung hoch zu fahren, wird das Gewicht nach vorn verlagert, beim Runterfahren wird der Rücken in die Lehne gedrückt. Entscheidend seien Luftdruck und Profil der Reifen, besonders beim Bremsen, wenn im Winter Schnee und Split die Räder zum Durchdrehen bringen.

"Für Rolli-Fahrer werden Kleinigkeiten zu großen Hürden", sagt Monika Dannehl und meint beispielsweise schmale Gehsteige mit Hundedreck am Rande, Rinnsteine, in denen die kleinen Vorderräder hängen bleiben, schwere Türen und Toiletten im Keller, die einen Besuch im Café unmöglich machen. Mut machend sei aber die große Hilfsbereitschaft vieler Menschen, die ihr immer wieder begegnet.

Der MS-Treff Glinde trifft sich jeden 2. Freitag im Monat um 17 Uhr im Evangelischen Gemeindehaus, Willinghusener Weg 69. Kontakt: Monika Dannehl, Telefon (040) 711 36 69.