Honeywell

Weltmarkt bestimmt Lebensrhythmus

Glinde. Seit mindestens 15 Jahren arbeitet die Belegschaft von Honeywell in verschiedenen Schichtarbeitssystemen. Die meisten Mitarbeiter haben bisher ein freies Wochenende. Sie wechseln wochenweise zwischen Früh-, Spät- und Nachtschicht.

Am Sonnabend werden die Maschinen aus-, Montagfrüh wieder eingeschaltet. Weil sich das jetzt ändern soll, hat die Belegschaft vor den Werkstoren demonstriert (wir berichteten). Was geht hinter dem Werkstor vor sich? Die Redaktion hat zwei Meinungen eingeholt und mit dem Geschäftsführer Jörg Ennen sowie mit dem Mitarbeiter Fikret Göktas gesprochen.

Jörg Ennen: "Produktionsabläufe verbessern."

Jörg Ennen geht es um den Wirtschaftsstandort Glinde. Er ist der größte von zehn Produktionsstandorten von Honeywell für den Geschäftsbereich Bremsbeläge in Deutschland. Doch jetzt sei Flexibilität in der Auftragsbearbeitung gefragt. Die setzt vor allem Flexibilität der Mitarbeiter in Sachen Arbeitszeit voraus.

60 Prozent aller Bremsbeläge bei Honeywell werden in Glinde hergestellt. Weltweit macht der Konzern einen Umsatz von etwa 36,5 Milliarden US-Dollar. "Aber aktuell verändert sich die Situation zum Negativen", erläutert Ennen. Das erkennt er an der Auftragslage für die Lkw-Sparte: "Ein Frühindikator für die Konjunkturkrise. Bei den Erwartungen für die Aufträge bei den Nutzfahrzeugen hängen wir hinterher."

"2012 hatten wir zwar einen moderaten Anstieg im einstelligen Prozentbereich in der Produktion", so der Manager. "Aber das operative Ergebnis für 2011 war nicht positiv." Die Preise für Rohstoffe, Energie und Material steigen. Vor allem gebe es einen erhöhten Wettbewerbsdruck. Der Markt verschiebe sich zugunsten der aufstrebenden Länder Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, kurz BRICS-Staaten.

Die Lösung sieht Ennen in der Produktivitätssteigerung. Das heißt für ihn einerseits investieren in die moderne Heiß-Press-Technologie, andererseits aber auch die volle Auslastung der Maschinen, also umstellen auf ein neues Arbeitszeitmodell mit anderen Schichten. "Wir müssen unsere Produktionsabläufe verbessern", betont Ennen.

Bisher arbeitet ein Team von etwa 90 Mitarbeitern auch am Wochenende, dafür aber nur knapp 31 Stunden in der Woche. "Das sind 6,5 Stunden weniger in der Woche als es der Tarif vorsieht", stellt Ennen fest. Auch das will er ändern. Laut Ennen wären von der Umstellung etwa 400 der 900 Schichtarbeiter betroffen: Alle sollen künftig 37,5 Stunden in der Woche arbeiten. Die Schichten sollen bereits nach zwei Tagen wechseln. Das sei laut arbeitsmedizinischer Studien gesünder. Bei einem der neuen Systeme wäre der Sonntag weiter frei, beim zweiten angestrebten Modell würden die angesammelten Überstunden durch regelmäßige Freischichten ausgeglichen.

Die Geschäftsführung hat die Betriebsvereinbarung über die bisherigen Schichtsysteme gekündigt, um mit dem Betriebsrat eine neue abzuschließen. "Doch wir haben keine Fortschritte bei den Verhandlungen gesehen", bedauert Ennen. Er habe zumindest einen Alternativvorschlag des Betriebsrates erwartet. Schließlich erklärte die Geschäftsführung die Verhandlungen für gescheitert und wandte sich an das Arbeitsgericht in Lübeck. Das hat im Oktober die beantragte Einigungsstelle eingerichtet. Ein Termin steht noch nicht fest.

"Wir haben nicht unendlich viel Zeit", warnt Ennen. "Unsere Mitbewerber, die zunehmend aus den BRICS kommen, agieren weltweit. Nur wenn wir der von den Kunden geforderten Flexibilität nachkommen, können wir uns behaupten."

Fikret Göktas: "Flexibilität nicht um jeden Preis."

"Flexibilität ja, aber nicht um jeden Preis", sagt Fikret Göktas. Seit 20 Jahren ist der Maschinenführer bei Honeywell tätig. Solange arbeitet er auch im Schichtdienst. Das nehme er auf sich, weil die Bezahlung bei Honeywell relativ gut sei und das Unternehmen in den vergangenen Jahren gerade bei der Arbeitssicherheit viel getan habe. Doch mit der geplanten Umstellung auf ein Vier-Schicht-Modell ist Göktas keineswegs einverstanden: "Das bedeutet nämlich, dass wir für das gleiche Geld mehr arbeiten sollen und gleichzeitig weniger Freizeit haben." Statt 37,5 Stunden und einer Fünf-Tage-Woche müsste Göktas in bis zu sieben Tagen etwas mehr als 40 Stunden ableisten. Auch die Pausen wären nicht mehr bezahlt. Das empfindet das Gewerkschaftsmitglied als ungerecht und hat deshalb zusammen mit Kollegen gegen die Pläne demonstriert, denn die meisten der betroffenen Schichtarbeiter sollen im Vier-Schicht-Modell arbeiten.

Auch befürchtet Göktas, dass die Zeit zur Erholung dann zu kurz ist: Weniger als 48 Stunden bleiben ihm, bis die neue Schicht beginnt. "Doch weniger als zwei Tage Freizeit reichen nicht aus, um sich auf einen neuen Wach- und Schlafrhythmus umzustellen. Erst nach drei Tagen hat sich meine innere Uhr wieder angepasst", sagt der 39-Jährige.

Göktas ist sich sicher, dass mit dem neuen Arbeitszeitmodell und den kurzen Erholungsphasen die gesundheitlichen Beschwerden im Kollegenkreis noch weiter zunehmen werden. Viele klagen schon jetzt über Herz-Kreislauf-Probleme, Nervosität, Kopfschmerzen und psychische Erschöpfung. Unwahrscheinlich ist das nicht: Der Altersdurchschnitt liegt bei 49 Jahren. Auch bei Göktas haben 20 Jahre Schichtarbeit ihre Spuren hinterlassen: Schlafprobleme und ein Magengeschwür seien Folgen des ungünstigen Rhythmus.

Auch für die Familie und das soziale Umfeld stellt Schichtarbeit eine Belastungsprobe dar: "Ehen scheitern, Familien zerbrechen, Freunde wenden sich ab, weil sie zu wenig Zeit miteinander verbringen. Ich sehe meine Kinder in manchen Wochen nur am Wochenende", sagt der dreifache Vater. Bei dem neuen Modell würde die Belastung noch größer.