Kriminologe

"Gefasste Mörder sind oft erleichtert"

Glinde. Wer ein Menschenleben auf dem Gewissen hat, steht, solange er noch nicht gefasst ist, unter starkem psychischen Druck und hat ständig Angst, entdeckt zu werden. Das hat Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer von Mördern, die er im Gefängnis interviewt hat, erfahren.

"Diese Angst kann den Täter so blockieren, dass er an nichts anderes mehr denken kann. Manche berichteten von dem großen Wunsch, endlich Ruhe zu finden. Waren sie festgenommen, fiel der Druck von ihnen ab, sie fühlten sich erleichtert", so Pfeiffer. Etwa fünf Prozent der Täter gehen sogar so weit, dass sie absichtlich Spuren hinterlassen, weil sie die Spannung nicht mehr aushalten.

Auch Henning K. scheint dazuzuzählen. Der 24-jährige Glinder steht derzeit wegen Totschlags vor dem Landgericht Lübeck (wir berichteten). Er hat gestanden, den 73-jährigen Hamburger Horst O. mit einem Zimmermannshammer erschlagen zu haben. Den Leichnam entsorgte er im Kofferraum eines Autos, das er zuerst an einer Straße, später in einer Tiefgarage abstellte. Täglich fuhr der Angeklagte dorthin, "um nachzusehen, ob der Wagen noch da ist", wie er aussagte.

Auch hinterließ er einen Zettel an der Windschutzscheibe, auf dem er sich dafür entschuldigte, dass er auf einem falschen Stellplatz geparkt hatte. Unvorsichtigerweise unterschrieb er mit seinem richtigen Namen. "Man könnte den Eindruck bekommen, dass Sie gefunden werden wollten", hatte Richter Christian Singelmann am ersten Verhandlungstag festgestellt. Henning K. nickte.

Dazu passt auch, dass der Angeklagte die Wohnung seines Opfers aufsuchte, als die Kripo bereits die Ermittlungen aufgenommen hatte und Beamte in den Räumen waren. "Warum macht man so etwas?", fragte die Staatsanwältin Ulla Hingst den Angeklagten. "Ich wollte wissen, wie weit die Polizei mit ihren Ermittlungen ist, wollte vorbereitet sein", antwortete K.

Elf Tage nach der Tat machte er eine Spritztour mit O.s Zweitwagen, bei der er beobachtet wurde. Außerdem erzählte er der Polizei die abenteuerliche Geschichte, dass Horst O. ihn mit dessen Umzug nach Berlin beauftragt hatte. Horst O. müsse den Wohnort wechseln, weil sein Arbeitgeber von seiner Homosexualität erfahren habe. Als Beweis zeigte Hennig K. den Beamten einen Vertrag - mit der gefälschten Unterschrift von Horst O.

Schon kurz nach der Tat war er in der Wohnung seines Opfers, um den Tresor zu plündern. Das misslang, weil er den Schlüssel nicht fand - weder in der Wohnung, noch auf der Barkasse von Horst O. Stattdessen soll er aus der Wohnung Sexspielzeug sowie eine Taschenlampe und einen Kugelschreiber mitgenommen haben.

Ob er die Folgen nicht bedachte oder ob er tatsächlich gefasst werden wollte, soll ein psychiatrischer Sachverständiger, der Neurologe Dr. Wolf-Rüdiger Jonas, feststellen. Jonas ist bei allen Verhandlungen dabei, beobachtet K. und wird am Ende der Beweisaufnahme ein psychologisches Gutachten über dessen Persönlichkeit verlesen.

Kriminologe Pfeiffer hat festgestellt: "Diejenigen, die absichtlich Spuren hinterlassen, sind keine coolen, sondern sensible Typen mit persönlicher Beziehung zu ihren Opfern."