Diamantene Hochzeit

An ihren Augen erkannte er seine zukünftige Frau

Glinde (unb). Als Karl Radigk seiner Hildegunde das erste Mal in die Augen sah, wusste er sofort: "Das ist meine Frau." Das war vor 61 Jahren. Karl hatte die junge Frau beim Tanzvergnügen in Oranienburg aufgefordert. Danach hat der damals 24-Jährige sie gefragt, ob sie sich wieder sehen.

"An dem Abend war er der dritte, der sich mit mir verabreden wollte", erinnert sich seine Frau. Um ihre Ruhe zu haben, sagte sie zu, hatte aber im Hinterkopf, nicht hinzugehen. Das schien Karl zu ahnen und verlangte ihr Ehrenwort. Die Hartnäckigkeit hat sich gelohnt: Ein Jahr später, am 21. Juni 1952, traten sie vor den Traualtar. Heute feiern sie diamantene Hochzeit. In all den 60 Jahren hat der heute 85-jährige Ehemann den Hochzeitstag nicht vergessen. Denn der Tag ihrer Vermählung ist zugleich ihr Geburtstag: Hildegunde Radigk wird heute 80 Jahre alt.

Er setzt ihrem Dickkopf viel Geduld entgegen

"Dass wir es solange miteinander aushalten, das hätten wir beide nicht gedacht", sagt sie. Doch wirklich daran gezweifelt hat sie auch nicht. Dafür haben sich die beiden zu gut verstanden. "Wir waren uns in der Sache immer einig, haben nie den Respekt voreinander verloren und Unstimmigkeiten stets ausdiskutiert." Diese Diskussionen konnten sich zwar über Tage hinziehen, weiß ihr Mann, doch mit seiner großen Geduld hat er dem Dickkopf seiner Frau standgehalten. Diesem Dickkopf ist es auch zu verdanken, dass das Paar überhaupt heiraten konnte.

Denn ihr Vater war eigentlich gegen die Hochzeit, hatte er für seine Tochter doch eigentlich "einen Besseren" im Sinn. "Ich hatte nichts, war doch gerade nach fünfjähriger Gefangenschaft aus Russland zurückgekehrt, hatte nicht einmal einen Beruf", sagt Karl Radigk. "Dafür bist du sehr höflich, zuvorkommend und ehrlich. Ich kann mich immer auf dich verlassen. Das zählt viel mehr als alles andere", sagt seine Frau und streichelt zärtlich die Hand ihres Mannes. Sie ist sich sicher, dass ihr Vater heute umso stolzer wäre, wenn er sehen könnte, was sie sich geschaffen haben.

Seit 60 Jahren jeden Abend dasselbe Ritual

Das hat er bis zu seinem Tod nur übers Telefon oder in Briefen erfahren. Denn ein Jahr nach der Hochzeit verließ das Paar die DDR und ging nach Hamburg. Da war Sohn Harry schon auf der Welt. Karl Radigk verdiente sich als Zimmermann, seine Frau, gelernte Herrenschneiderin, arbeitete bei der Post. "Dass ich etwas zum Einkommen beisteuere, war von Anfang klar. Wir wollten uns im Alter etwas leisten können." Bescheiden leben die Radigks bis heute. "Ausgaben werden immer gemeinsam besprochen. Streit ums Geld gibt es bei uns nicht", sagt sie. Noch so ein Geheimrezept für eine glückliche Ehe. Ein weiteres ist: viel miteinander lachen. "Schon am Frühstückstisch albern wir herum", sagt er.

Vor zwei Monaten zog das Paar von Hamburg nach Glinde, um ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter näher zu sein. Enkelkinder haben sie nicht. "Das ist bedauerlich, aber das Leben spielt eben nicht immer, wie man es sich wünscht", sagen sie. Dafür war es bei ihrem gemeinsamen Glück umso großzügiger. "Ein wenig muss man dafür auch selbst tun und die Zweisamkeit pflegen", so die Ehefrau. Seit 60 Jahren beenden sie auf die gleiche Art und Weise ihren Tag: mit einem Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn, beide Augen und den Mund.