Interkulturelle Kompetenz

"Hüten Sie sich vor der Zahl Vier"

Glinde. Chinas Wirtschaft boomt, und davon wollen auch deutsche Unternehmen profitieren. Zurzeit haben laut Handelskammer Lübeck 48 Stormarner Unternehmen Wirtschaftkontakte zum Reich der Mitte - die werden jedoch durch kulturelle Differenzen manchmal erschwert.

"Sie sollten sich davor hüten, im Namen des neuen Produktes, das sie nach China exportieren wollen, die Ziffer Vier auftauchen zu lassen", empfiehlt die Glinderin Dr. Yawen Huang-Wolff. Ein Audi A4 habe dort also schlechte Chancen. Denn "Vier" klinge auf Chinesisch genauso wie das Wort "Tod". Für Deutsche scheint das nur Aberglaube. Doch solche Kleinigkeiten können in China große Geschäfte zum Platzen bringen.

Dr. Yawen Huang-Wolff ist Expertin für interkulturelle Kommunikation. Die gebürtige Chinesin bereitet Mitarbeiter vor, die von ihrer Firma nach China geschickt werden, hat schon zwischen deutschen und chinesischen VW-Mitarbeitern in China vermittelt. Auf Wunsch unterrichtet sie auch ihre Muttersprache. Sie selbst hat in Guangzhou, Hauptstadt der Kanton-Provinz, Biologie studiert und kam 1987 nach Hamburg, um in Ökologie zu promovieren. Damals hätte sie sich jemanden gewünscht, der ihr die deutsche Kultur und die Umgangsformen nahegebracht hätte. "Ich weiß noch, wie ich aneckte, weil ich ohne Einladung zu einem Essen mitgegangen bin", erinnert sie sich. In ihrer Heimat wisse der Gastgeber nie genau, wie viele Besucher kommen und kocht gleich mehr. "Am Ende bekam ich eine halbe Roulade. Das war sehr unangenehm."

Die Glinderin konnte mittlerweile reichlich Erfahrungen mit der deutschen Kultur sammeln: Nach ihrer Promotion arbeitete sie 15 Jahre als Leiterin der Importabteilung von Geodis. Heute ist sie mit einem Deutschen verheiratet, hat eine Tochter (9).

Grundsätzlich meiden Chinesen alles, was Konflikte birgt. "Sie können aber auch sehr laut streiten, sogar auf der Straße", sagt die Expertin. "Dann gibt es allerdings kaum noch eine Chance auf Versöhnung." Das Streben nach Harmonie in der chinesischen Kultur sei über 2500 Jahre alt. Deshalb vermeiden ihre Landsleute auch direkte Antworten. Huang-Wolff berichtet von einer deutschen Firma, die nach einem langen E-Mail-Wechsel mit dem Geschäftspartner für einen Vertragsabschluss nach China reiste - und dort aus allen Wolken fiel, weil die Partner vollkommen unvorbereitet waren. "Ein 'Ja' heißt nicht unbedingt 'ja, ich stimme zu'", erklärt sie. "Es kann auch bedeuten, 'ich höre zu' oder 'ich habe verstanden'. Eine direkte Kommunikation erfordert in China den Aufbau einer persönlichen Beziehung." Das aber empfänden viele Deutsche als Zeitverschwendung. "Für Geschäfte in China müssen sie etwas Geduld mitbringen."

Am Dienstag, 6. März, hält Yawen Huang-Wolff beim interkulturellen Frauentreff im Gutshaus, Möllner Landstraße 53, um 15. 30 Uhr einen Vortrag.