Pflegefamilien im Südkreis knapp

Eltern auf Zeit dringend gesucht

Glinde. Noch immer werden Kinder vernachlässigt, misshandelt und missbraucht. In schweren Fällen schreitet das das Jugendamt ein und entzieht den Eltern das Sorgerecht.

In Stormarn kommt das etwa zehn bis zwölf Mal im Jahr vor. Tendenz steigend. Vor einigen Jahren gab es durchschnittlich "nur" drei bis vier Fälle, sagt Hans-Peter Mahr vom Jugendamt in Bad Oldesloe. Der Sozialarbeiter betreut seit mehr als 20 Jahren Adoptiv- und Pflegekinderfamilien im Kreis. Und obwohl die Zahl der Kinder steigt, die aus ihren Familien genommen werden, sinkt die Zahl derjenigen, die bereit sind, diesen Kindern ein neues Zuhause zu bieten. "Der Bedarf an Familien ist groß", sagt Manuela Kloke, Mitarbeiterin im Jugendamt. Vor allem im Südkreis (Glinde, Reinbek, Barsbüttel) gibt es davon viel zu wenige. Zwar fand das Jugendamt derzeit noch für jedes der insgesamt 160 Kinder innerhalb kurzer Zeit eine Ersatzfamilie. Doch viele der insgesamt 170 Familien - 30 davon im Südkreis - sind schon seit Jahren Pflegeeltern und haben bald die Altersgrenze von 65 Jahren überschritten, Neuzugänge hingegen sind selten.

"Viele schreckt die Vorstellung ab, das Kind wieder loslassen zu müssen", so Kloke. Eine Garantie, es dauerhaft zu behalten, können die Sozialarbeiter aber nicht geben. Auch wenn eine Rückkehr zu den leiblichen Eltern sehr selten ist. Eine weitere Anforderung, die Interessenten abschreckt, ist, dass ein Elternteil nach der Aufnahme des Kindes mindestens ein Jahr lang zu Hause bleiben soll.

Das ist auch deshalb nötig, weil die zu vermittelnden Kinder immer jünger werden. Waren die Kinder früher durchschnittlich zwischen vier und acht Jahre alt, sind sie heute vor allem im Kleinkind- und sogar im Säuglingsalter.

Auch wenn das Jugendamt nach einem ersten Hinweis schnell handelt, sind die meisten Kinder traumatisiert. Manche können mit fünf Jahren noch nicht Zähne putzen, andere machen mit acht noch ins Bett. Das macht den Umgang mit ihnen nicht gerade leicht. Die Traumatisierung wirkt oft ein Leben lang nach. Die Narben brechen auch später immer wieder auf. Die wenigsten sind als Erwachsene in der Lage, ein bürgerliches Leben im klassischen Sinne zu leben, so Kloke.

Umso mehr Geduld, Verständnis, Toleranz, Gelassenheit, Durchhaltevermögen und erzieherisches Geschick sollten Pflegeeltern mitbringen. Eine stabile Partnerschaft, in der beide voll und ganz hinter dem Pflegekind stehen, kann dabei hilfreich sein. Sie ist aber keine Voraussetzung. Genauso wenig wie eigene Kinder. Alleinstehende können sich auch um ein Pflegekind bemühen.

Als finanzielle Unterstützung erhalten die Pflegeeltern je nach Alter und Bedarf des Kindes zwischen 520 und 1100 Euro monatlich. "Unserer Meinung ist das unterbezahlt", sagt Mahr. Schließlich sei das Pflegeelterndasein mehr als nur ein Job. Sie müssten 365 Tage rund um die Uhr für die Kinder da sein. Urlaub haben sie nie. "Im Gegenteil, Pflegekinder sind kleine Wundertüten, bei denen niemand weiß, was noch zutage kommt", so Kloke.

Nichtsdestotrotz sind die Sozialarbeiter davon überzeugt, dass Pflegefamilien das Beste sind, was man für die Kinder tun kann. "Es ist immer wieder schön zu sehen, wie die Kinder aufblühen." Denn Pflegeeltern geben ihnen das Gefühl, dass jemand da ist, auf den sie sich verlassen können und der sie liebt, egal, was sie tun.

Das Jugendamt organisiert vier Mal im Jahr Informationsabende. Dort erfahren die Anwärter auch vieles über die Bewerberseminare. Interessenten melden sich bei Hans-Peter Mahr unter der Telefonnummer: (045 31) 16 05 23.