Historie

Von Friesland über Afrika nach Glinde

Glinde. Im rauen Nordfriesland ist er als Zimmermannssohn aufgewachsen, als gemachter Mann kam Sönke Nissen 1912 nach Glinde - mit Diamanten im Gepäck. Als einen "Unternehmertyp, der die Chancen genutzt hat", bezeichnet Archivar Carsten Walczok den Nordfriesen. "Er war ein Geist seiner Zeit."

Den Umweg nach Glinde nahm Sönke Nissen über Afrika. Mit dem Titel "Eisenbahn-Bau-Ingenieur" war er in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nach Deutsch-Südwestafrika ausgewandert - heute Namibia. Dort sollte er als Oberbauingenieur die Bauleitung der Eisenbahn zu übernehmen. Bei den Bauarbeiten fand einer seiner Arbeiter einen Diamanten. Nissen sicherte sich die Schürfrechte, kündigte seinen Job und finanzierte die Suche nach weiteren Diamanten. Die Arbeiter wurden fündig und Sönke Nissen ein reicher Mann.

Als solcher kehrte er nach Deutschland zurück, lebte kurzzeitig in Berlin und kaufte schließlich 1912 das Gut Glinde, das der damalige Gutsbesitzer verkaufen musste, weil er verschuldet war. Nissen führte den Milchviehbetrieb weiter, der die Glinder Sanitätsmilch produzierte. Er gab dem Gutshaus sein heutiges Gesicht und baute es im Stil eines nordelbischen Herrenhauses mit klassizistischen Elementen um.

Der mehrfache Millionär war Kreistagsabgeordneter und Amtsvorsteher und unterstützte den Bau eines Kriegsdenkmals in der Ortsmitte, eines Sportplatzes und eines Spritzenhauses. Von all dem ist heute nichts mehr zu sehen ist. Außer im Gutshaus und den umliegenden Häusern hat Nissen nicht viele Spuren hinterlassen. Eine Straße wurde nach ihm benannt und die Gemeinschaftsschule, in der das Leben und Wirken von Sönke Nissen in diesem Schuljahr Thema einer Projektwoche sein soll. Die bereitet Carsten Walczok derzeit in Kooperation mit der Sönke-Nissen-Park-Stiftung vor.

Warum Nissen ausgerechnet nach Glinde kam, darüber kann der Archivar nur spekulieren. "Ich vermute, es war die Nähe zu Hamburg, die Verbundenheit mit der Welt, mit Afrika." Doch auch seine alte Heimat lag Nissen weiter am Herzen, durch seine finanzielle Unterstützung konnte ein Stück Land eingedeicht und urbar gemacht werden - der so genannte Sönke-Nissen-Koog, der Platz für 30 Höfe bot. Sieben davon gingen als Gegenleistung an seine Nachfahren. Denn Nissen starb 1923 vor der Eindeichung im Alter von 52 Jahren.

Nissens Nachfahren leben heute in Schweden. Sein Sohn Sönke Nissen junior hatte das Gutshaus der Stadt als Sitz der gleichnamigen Stiftung geschenkt.