Gemeinsam der Demenz trotzen

Von Freya Margarethe Baier

Geesthacht.
"Also den Hut finde ich jetzt aber wirklich albern", befindet Gisela Krützfeldt (83) über eine rote Kopfbedeckung mit Federn. Dieser Ansicht ist Ursula Bringe (76) nicht: "Der ist doch schick." Gisela Krützfeldt ist allerdings keine Kundin in einem Modegeschäft, sondern lebt in einer Hausgemeinschaft für Demenzerkrankte, ebenso wie ihre Freundin Ursula Bringe. Beide haben sichtlich Spaß beim Anprobieren von verschiedenen Hüten.

Pflegefachkraft Anja Hanikel hat an diesem Tag zwei große Tüten voller Kopfbedeckungen und Schals mitgebracht. Jeder Bewohner, der Lust hat, darf Hüte ausprobieren. "Wir fördern damit zum einen die Kontakte untereinander und wecken damit auch Erinnerungen", erklärt Pflegefachkraft Karin Bergmann.

13 Hausbewohner leben zurzeit im Wichernweg 3 in Geesthacht. Platz hat die Einrichtung der Paritätischen Pflege für 14 Demenzerkrankte. "Die Menschen wohnen hier als Mieter in ihren eigenen vier Wänden", erzählt Leiterin Britta Kieck. In einem großen Gemeinschaftsraum wird gekocht, gegessen und gespielt. Seit drei Jahren gibt es die Hausgemeinschaft.

Hildegard Lemke (86) war eine der ersten Mieterinnen. Ihre Schwester Ida Zieger kommt sie regelmäßig besuchen und sagt: "Das Schöne ist, dass hier niemand alleine ist und es so familiär zugeht." Ihr gefällt besonders, dass es einen kleinen Garten gibt, jeden Tag frisch gekocht und gebacken wird.

Mithelfen können die Mieter jederzeit. Adrian Kazmierczak, der ein freiwilliges soziales Jahr absolviert, ist an diesem Tag dankbar, dass ihm Olga Peeters (86) beim Äpfelschälen hilft. "Daraus machen wir Kuchen und Apfelmus", erzählt der 19-Jährige.

Einen großen blauen Hut bekommt auch Olga Peeters aufgesetzt. "Jetzt sehe ich aber elegant aus", freut sie sich. Aber nicht nur die Bewohner machen mit, sondern auch die Pflegerinnen. "Es ist immer sehr lustig mit den Mitarbeitern. Die kümmern sich toll um uns", findet Ursula Bringe.

14 fest angestellte Pflege- und Betreuungsfachkräfte kümmern sich um die Senioren. Jeweils vier arbeiten im Früh- und im Spätdienst. Dazu kommen noch Praktikanten und FSJler. "Das ist schon Luxus", sagt Britta Kieck.

Das Konzept in der Hausgemeinschaft Wichernweg ist, dass die Mieter individuell leben können. "Kein Tag ist gleich", erklärt Britta Kieck. So gebe es keine festen Zeiten für Spiele oder Gymnastik. "Wir machen das davon abhängig, worauf die Bewohner Lust haben."

Regelmäßige Ausflüge stehen trotzdem auf dem Programm, wie das Einkaufen auf dem Wochenmarkt oder Sparziergänge an die Elbe. Mittwoch ging es beispielsweise mit sechs Mietern zum Demenz-Gottesdienst in die Christuskirche. "Es ist schön, dass wir hier Zeit für die Bewohner haben", sagt Pflegefachkraft Gabriele Alsleben. So können die Pflegerinnen auch individuell auf die Probleme und Bedürfnisse eingehen.

Nicht immer ist das einfach für das Personal. "Es bauen sich Beziehungen auf. Und es ist nicht immer leicht, den Verfall mitzuerleben", erzählt Britta Kieck. Viele der Bewohner kamen in die Einrichtung, als sie noch mobil und klar waren. Mittlerweile sitzen einige im Rollstuhl, dämmern vor sich hin und können sich kaum noch verständigen. "Wir ziehen jeden Morgen alle Bewohner an und bringen sie in den Gemeinschaftsraum. Natürlich nur, wer möchte", betont Hausleiterin Kieck. Auch in Aktivitäten werden alle miteinbezogen. "Es ist ein Geschenk, mit Demenzkranken zu arbeiten. Sie geben sehr viel zurück", findet Pflegekraft Karin Bergmann. Ida Zieger ist froh, dass ihre Schwester in der Hausgemeinschaft lebt: "Nirgendwo ist sie besser untergebracht als hier, und nirgendwo wird sich so liebevoll um meine Schwester gekümmert." Und das nicht nur vom Personal. Gisela Krützfeldt braucht nämlich noch eine weitere Meinung zu ihrem roten Hut.

Weitere Infos zu der Hausgemeinschaft Wichernweg gibt es bei Britta Kieck unter Telefon (0 41 52) 8 47 73 45 oder im Internet unter

"Es ist ein Geschenk, mit Demenzkranken zu arbeiten. Sie geben viel zurück." Karin Bergmann, Pflegefachkraft

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