"Wir waren die Dorf-Türken"

Von Freya Margarethe Baier

Geesthacht.
An ihren ersten Schultag erinnert sich Hicran Hayik-Koller noch ganz genau. "Alle Kinder hatten eine Schultüte, nur ich nicht." Familie Hayik kannte den Brauch nicht, als sie 1972 nach Großensee (Kreis Stormarn) kam. "In der Türkei gibt es so was nicht", erklärt die mittlerweile 49-Jährige. Damit sich Hicran Hayik-Koller nicht ausgeschlossen fühlte, fuhr eine Lehrerin extra nach Trittau und besorgte eine Schultüte für die Siebenjährige.

"Wir waren die Dorf-Türken", erinnert sich Hicran Hayik-Koller an die Zeit in Großensee. Ihr Vater Erdogan hatte eine Stelle als Gastarbeiter in Trittau gefunden. Die Familie sprach anfangs kaum Deutsch. "Aber die Dorfgemeinschaft nahm uns auf. Viele fühlten sich für uns verantwortlich", erzählt Hicran Hayik-Koller. Die Familie sei an die Hand genommen worden. "Wir wurden zum Vogelschießen eingeladen, und meine Mutter wurde gefragt, ob sie etwas Türkisches kochen könnte", berichtet die Geesthachterin. Die Familie wusste erst nicht, ob sie teilnehmen durfte. "Es war wichtig, dass sie uns da einbezogen."

Diese Hilfsbereitschaft wünscht sich Hicran Hayik-Koller, die für die SPD in der Geesthachter Ratsversammlung sitzt, jetzt auch für die Flüchtlinge, die nach Geesthacht kommen. "Sie kennen unsere Bräuche nicht und wissen auch nicht, wie wir leben."

Wenn Hicran Hayik-Koller an ihre Zeit in Großensee zurückdenkt, dann verspürt sie vor allem Dankbarkeit. Nicht nur einmal nahmen die Bürger ihre "Dorf-Türken" auf. Denn die Familie kehrte zurück in die Türkei. "Aber nach drei Jahren kamen wir wieder nach Deutschland", erzählt Hicran Hayik-Koller. Die politische Lage in der Türkei hatte sich verändert.

Hicran Hayik-Koller kam damals sofort in die siebte Klasse. Nur konnte sie weder Englisch noch Latein. "Dank der Hilfe von Frau Cordts und Herrn Roenn habe ich den Anschluss und die Schule geschafft", erzählt sie. "Frau Cordts hat mir fast zwei Jahre lang jeden Tag Nachhilfe in Englisch gegeben, und Herr Roenn war Deutsch- und Lateinlehrer, ihn konnte ich jederzeit fragen."

So schaffte Hicran Hayik-Koller ihr Abitur und studierte in Lüneburg Betriebswirtschaftslehre. Heute arbeitet sie als strategische Einkäuferin bei Conti in Hamburg und ist in der Kommunalpolitik aktiv. Seit 22 Jahren ist die gebürtige Türkin mit Jan-Mathias Koller verheiratet und hat zwei Söhne, Björn-Erol (18) und Selim-Hendrik (17). Einen deutschen Pass hat sie auch mittlerweile.

"Ohne Unterstützung hätte ich es nicht geschafft", ist sich Hicran Hayik-Koller sicher. Die Bürger von Großensee seien damals nicht voreingenommen mit ihrer Familie umgegangen. Und: "Wir wollten auch integriert werden. Das war meinem Vater ganz wichtig." Sie hofft, dass Mentoren den heutigen Flüchtlingen helfen, sich ebenso hier einzuleben. "Meine Familie hat so viele tolle Sachen erfahren, das wünsche ich mir auch für die Flüchtlinge."

"Ich bin einfach unheimlich dankbar." Hicran Hayik-Koller, SPD-Ratsfrau