NDR-Moderatorin

Stippvisite bei der "Visite"-Macherin

Dassendorf/Hamburg. Dienstagabend im NDR-Studio in Lokstedt, die Moderatorin steht in Position, der Aufnahmeleiter zählt den Countdown: "Zehn, neun, acht, ... ", das rote Lämpchen springt an - die Kamera läuft. Vera Cordes geht auf Sendung, lächelt, begrüßt die Zuschauer und stellt die Themen des Abends vor:

Was tun bei Restless Legs Syndrom? Kapuzinerkresse - Alternative zum Antibiotikum; Sauna - schwitzen für die Gesundheit; Eigenbluttherapien; Organe von Tieren für Menschen und, passend zum neuen Jahr, ein Beitrag darüber, wie man den inneren Schweinehund besiegt. Jeden Dienstag um 20.15 Uhr strahlt der NDR sein Gesundheitsmagazin "Visite" mit der Moderatorin Vera Cordes aus. Und das seit 13 Jahren.

Doch jetzt ist Mittwochvormittag, die 51-jährige Journalistin sitzt in Jeans und Polo-Shirt am Küchentisch ihres weißen Einfamilienhauses in Dassendorf, in dem sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern wohnt. Vera Cordes trinkt Tee und checkt die Einschaltquote vom Vorabend: 7,1 Prozent. "Zur selben Zeit lief im ZDF James Bond und hat abgeräumt. Im Durchschnitt haben wir 8,3 Prozent Marktanteil, manchmal über 10 Prozent." Kein Grund zum Ausruhen, denn nach der Sendung ist vor der Sendung, und das nächste Gesundheitsmagazin will vorbereitet werden.

Dass sich Vera Cordes an diesem Mittag Zeit für uns nimmt, liegt auch an ihren Wurzeln. Schließlich hat sie als freie Mitarbeiterin und später als Volontärin bei der Geesthachter Zeitung das journalistische Handwerk gelernt. "Vom Kaninchenzüchterverein bis zur Ratsversammlung - ich habe alles gemacht", erzählt sie. "Wenn ich die Sirene hörte, habe ich bei der Polizei angerufen, bin aufs Mofa gestiegen und hingefahren." Wie kam es zu dem Berufswunsch? Begonnen hat alles vor mehr als 30 Jahren am Tag ihres Abiturs am Otto-Hahn-Gymnasium. Damals stand ein Redakteur der Geesthachter Zeitung auf dem Schulhof und fragte die Schüler nach ihren Zukunftsplänen. "Selbst von den coolsten Mädchen erhielt er eine Antwort", sagt Vera Cordes. "Das hat mir gefallen - jeden alles fragen zu können." Spontan ergriff sie die Gelegenheit, fragte den Redakteur, wie man zur Zeitung kommt - und fing kurz darauf als Praktikantin und freie Mitarbeiterin an. "Damit verdiente ich mir das Studium der Germanistik, Pädagogik und Sportwissenschaft", sagt sie. Es folgte ein Volontariat an der Axel-Springer-Schule in Berlin, den praktischen Teil absolvierte sie bei der Geesthachter Zeitung.

Lanz und Pilawa unter die Fittiche genommen

Danach ging alles schnell: Vera Cordes machte Karriere beim Fernsehen, zunächst als Nachrichtenchefin und Moderatorin bei RTL Nord. "Da haben unter anderem Markus Lanz und Jörg Pilawa bei mir gelernt, wie man eine Nachricht macht", sagt sie lachend. Auch mit Barbara Ehligmann und Frauke Ludewig arbeitete sie zusammen. Für die Themenbereiche Medizin und Gesundheit interessierte sie sich schon damals. 1998 bewarb sie sich beim NDR um die Stelle als Moderatorin der "Visite". Die "feste freie" Mitarbeiterin kann sich nicht erinnern, seither einmal krank gewesen zu sein. Die leicht distanzierte Haltung der ersten Jahre ist einem lockereren Moderationsstil gewichen. "Ein Lächeln, ein Scherz - das muss heute einfach sein", sagt sie.

Früher, als ihre Kinder Kim (18) und Benjamin (16) noch klein waren, hat sie viel nachts gearbeitet. Bis drei Uhr morgens saß sie manchmal am Schreibtisch. Tagsüber war sie als Mutter im Einsatz. Ein Spagat zwischen Familie und Beruf, den sie dank ihres Mannes Ralf, der sich seine Zeit als selbstständiger Meeresbiologe mehr oder weniger frei einteilen kann, und dank der Eltern und Schwiegereltern, die in Geesthacht wohnen, gut geschafft hat. Und ganz nebenbei ist sie ein bisschen berühmt geworden. Ob im Supermarkt an der Kasse oder im Lift in Österreich - überall werde sie angesprochen. Nur im beschaulichen Dassendorf natürlich nicht mehr. "Die Dassendorfer haben sich schon daran gewöhnt, mich hier im Alltagsdress zu sehen", sagt Vera Cordes, die ihre Bodenständigkeit trotz der Popularität nicht verloren hat.

Dreimal pro Woche fährt sie nach Hamburg in den Sender, an den übrigen Tagen sitzt sie an ihrem Schreibtisch in Dassendorf. Gemeinsam mit fünf Redakteurinnen plant und recherchiert Vera Cordes ihre Sendungen beim NDR. Die "Visite" möchte nicht nur über aktuelle Entwicklungen aus den Bereichen Medizin und Gesundheit aus Klinik, Praxis und Forschung informieren. Sie versucht auch, für die Zuschauer eine Schneise zu schlagen durch das unübersichtliche Gesundheitswesen. "Wir suchen Themen aus, die sehr viele Menschen betreffen. Zum Beispiel neue Therapien bei Volkskrankheiten wie Rücken- oder Gelenkerkrankungen, Herz-Kreislauf, Nahrungsmittelunverträglichkeit, Osteoporose oder Venenleiden. Aber wir versuchen auch, einzelnen Menschen zu helfen, indem wir seltene Krankheiten vorstellen." Dabei bemühen sich die "Visite"-Macher stets, Themen allgemein verständlich zu präsentieren. "Unsere Informationen sind gründlich recherchiert und nicht gekauft. Dadurch können wir unabhängig berichten und die besten Therapien aufzeigen."

Es gehe aber auch darum, Missstände im Gesundheitswesen aufzudecken, sagt Cordes. Dazu gehört für sie zum Beispiel, dass die "sprechende Medizin" total unterbezahlt ist, weshalb die Ärzte sich nicht mehr genügend Zeit nehmen, um mit den Patienten zu reden. "Es ist aber erwiesen, dass mehr Zugewandtheit und ausführliche Gespräche mehr Vertrauen aufbauen und zu besseren Behandlungserfolgen führen", weiß sie. Auch dass privat versicherte Patienten nach wie vor bevorzugt behandelt werden, bringt sie auf die Palme. "Das darf nicht sein."

Ansprechpartnerin in Sachen Gesundheit

Für viele in ihrer näheren Umgebung ist Vera Cordes auch außerhalb der Sendung zu einem Ansprechpartner in Sachen Gesundheit geworden. Zuviel wird ihr das nicht. Höchstens den Kindern. "Zum Beispiel, wenn ich sage, dass ich Kopfschmerzen habe und meine Mutter sich gleich alle möglichen Gedanken macht", sagt Tochter Kim und lacht. Kein Wunder, bei so viel Beschäftigung mit Krankheiten. Wie geht sie bei sich selber damit um? "Jeder hat Zipperlein", sagt sie. Und bei jedem neuen Thema macht sie gleich kurz einen inneren Check-up. Aber sie beunruhigt sich nicht weiter. Dafür hat sie auch gar keine Zeit. Denn wie gesagt, nach der Sendung ist vor der Sendung.

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