Wettbewerb

Inga May weiß, wo das ewige Eis taut

Geesthacht. Mit Mikrowellen aus dem All ist Dr. Inga May dem arktischen Permafrost auf der Spur. Klingt komplex, ist es auch - doch die 28-jährige Nachwuchswissenschaftlerin konnte mit ihrem Forschungsthema im Kleinen Theater Schillerstraße gehörig punkten, denn das Publikum kürte sie zur diesjährigen Siegerin des Wettbewerbs "Verständliche Wissenschaft" des Helmholtz-Zentrums Geesthacht (HZG).

Keine Selbstverständlichkeit - denn unter normalen Umständen wäre die Doktorarbeit der 28-Jährigen vom Alfred-Wegener-Institut Potsdam wahrscheinlich nur in Fachkreisen diskutiert worden. Monatelang wertete die Geologin Daten des Satelliten Terra Sar-X aus, der die Erdoberfläche mit Röntgenstrahlen abtastet und dabei Höhenunterschiede aus dem All genauestens erspäht. Dies machte sich Inga May zunutze, um im arktischen Teil Kanadas anhand von Höhenunterschieden zwischen Sommer und Winter die Orte zu lokalisieren, wo das eigentlich ewige Eis schmilzt. "Die globale Erwärmung ist ein Problem. Und durch auftauenden Permafrostboden gelangen Treibhausgase in die Atmosphäre, die eigentlich im Eis eingeschlossen sind", so die Jungwissenschaftlerin. "Mit den Mikrowellen aus dem All kann ich größere Flächen eingrenzen, in denen das Eis taut." Doch die Forscherin durfte sich nicht auf die Daten verlassen - um ihre Forschung zu überprüfen, reiste sie nach Kanada, um den Eisschwund vor Ort nachzumessen, was ihre Arbeit bestätigte.

Mit eindrucksvollen Fotos und klaren Worten konnte die Forscherin auch Laien von ihrer Arbeit überzeugen - schließlich saßen im KTS viele Schüler, und das Publikum wählte diesmal per Abstimmung den Wettbewerbssieger aus. Die Forscher mussten dazu innerhalb von acht Minuten teils hoch komplexe Forschungsarbeiten so verständlich dem Publikum vermitteln, dass möglichst jedermann folgen konnte. Eine schwere Aufgabe. "Ich behaupte mal, Wissenschaft ist für sich gesehen unverständlich", sagte HZG-Geschäftsführer Professor Wolfgang Kaysser. "Viele Forschungsergebnisse werden selbst von 98 Prozent der anderen Wissenschaftler nicht verstanden." Erst wenn es gelingt, die Rohdaten in ein Bild zu verwandeln, erreiche man die Menschen, so Kaysser. "Und das ist wichtig, um über Wissenschaft diskutieren zu können."

Inga May kann sich als Siegerin des Endausscheids über ein Preisgeld von 2500 Euro freuen. "Dieses Jahr wurden 17 Doktorarbeiten mit spannenden Themen zur Vorauswahl eingereicht", berichtet die HZG-Mitarbeiterin Dr. Iris Ulrich, die die 1997 ins Leben gerufene Preisverleihung zum siebten Mal organisierte.

Der zweite Platz mit 1500 Euro ging an Dr. Mike Althaus (Institut für Tierphysiologie an der Universität Gießen) für seinen Vortrag "Kanalarbeiten in der Lunge". Den dritten Platz und 1000 Euro holte sich Dr. Angela Vogts (Leibnitz Institut für Ostseeforschung) mit ihrem Thema "Alkane - Pflanzenkleidung, die vom Wetter abhängt". Der Wettbewerb startet alle zwei Jahre.