Serie: Leben und arbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Düneberger Pulv

Tonnen von Pulver jeden Tag

Geesthacht. Jugendstil-Häuser bieten Menschen hier ein Zuhause, Existenzgründer haben Werkstätten für Autos und Motorräder eröffnet, Vierbeiner finden im Tierheim einen Unterschlupf - all das und noch viel mehr passiert heute dort, wo einst die Pulverproduktion florierte.

In diesem Teil unserer Serie "Leben und arbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Düneberger Pulverfabrik" blicken wir zusammen mit dem Zeitzeugen Karl Zabel (84) und den Heimatforschern Heinz Niemann (71) und Helmut Knust (66) in die Vergangenheit.

"Unser Archiv über Düneberg wächst täglich", sagt Helmut Knust vom Heimatbund und Geschichtsverein. Das Bild vom Kraftwerk 3 der Pulverfabrik (großes Foto) sei zum Beispiel erst kürzlich vom Fotoatelier Paul König übergeben worden. "Wir sind immer noch dabei, Dias und Glasplatten auszuwerten." Immer wieder finden die Männer auch Postkarten mit Motiven aus Düneberg, zuletzt bei einem Händler in Norwegen. "Sie zeigt das älteste Haus an der Lichterfelder Straße", sagt Niemann. Ein Grund für die Fülle an Zeitzeugnissen ist, dass die Fabrik immerhin knapp 70 Jahre bestand. Die ersten Gebäude wurden 1877 errichtet. Das 4132 Hektar große Gelände erstreckte sich vom Düneberger Bahnhof bis nach Altengamme, von der Elbe bis an die Sandberge. Zuerst wurde hier Pulver für den Export und auch für Jagdwaffen hergestellt. "Schon um 1900 kamen viele Menschen aus Westpreußen und Posen zum Arbeiten nach Düneberg", erzählt Helmut Knust. So seien zum Beispiel Namen wie "Wirwinsky" hier heimisch geworden. "Zu Beginn hatten viele Einheimische große Angst vor den Gefahren der Pulverproduktion", sagt Karl Zabel.

Im Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der Mitarbeiter rasant an, um den Pulvernachschub für die Kriegsmaschinerie an der Front zu sichern. Ein Vergleich: Am 1. August 1916 arbeiteten in der Düneberger Fabrik 4345 Männer und 691 Frauen. Am 1. September 1918 waren es 7497 Männer und 9218 Frauen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Fabrik demontiert. In den 20er-Jahren wurde hier unter anderem Linoleum hergestellt. Doch im Zweiten Weltkrieg benötigte das Dritte Reich Unmengen an Pulver für seine Munitionsfabriken. Zu Spitzenzeiten kamen 2750 Tonnen Pulver pro Monat aus Düneberg. 1943 arbeiteten über 7000 Menschen in der Pulverfabrik, viele zwangsrekrutiert aus besetzten Gebieten wie Holland, Belgien und der Ukraine. Viele Arbeiter kamen auch täglich mit Zügen aus Hamburg und Bergedorf, stiegen dann am alten Bahnhof Birke und am Düneberger Bahnhof aus. Auch viele Familienmitglieder von Heinz Niemann haben in der Pulverfabrik gearbeitet. "Mein Vater war Pulverwalzer", erzählt der Geesthachter. Er musste die Feuchtigkeit aus der Rohmasse holen. Eine recht gefährliche Tätigkeit, bei der es oft zu Bränden kam. "Meine Oma hat Kartuschen für die Treibladung gefüllt und meine Mutter hat beim Direktor gekocht." Immer wieder entdeckt Niemann Angehörige auf alten Fotos.

Nach dem Krieg haben nach und nach kleinere und größere Firmen Teile der Fabrik gekauft oder gemietet, um hier zu produzieren. Von knapp 800 Gebäuden auf dem Fabrikgelände sind beim Luftangriff der Alliierten am 7. April 1945 nur 78 zerstört oder beschädigt worden. Später mieteten Unternehmen wie die Teppichfabrik Wohngebäude, um Gastarbeiter aus Italien, Spanien und Portugal, später auch aus Griechenland und der Türkei hier unterzubringen.