Akw-Rückbau

Fast alle Fragen bleiben offen

Geesthacht. Rund 31 000 Tonnen Gesamtmasse - so viel Material fällt an, wenn das AKW Krümmel zurückgebaut wird. Wann - das ist offen. Zurzeit sieht es, auch wenn das beim Energiekonzern Vattenfall niemand offiziell sagt, eher nach einem "sicheren Einschluss" aus.

Das bedeutet, dass lediglich die Brennelemente aus dem Kraftwerk geholt werden. Der Rest bleibt unberührt stehen. Möglicherweise über Jahrzehnte, warnte Dr. Wolfgang Cloosters, Leiter der Atomaufsicht der Kieler Landesregierung, bei der Bürgerinformation im Geesthachter Rathaus. Cloosters: "Dann geht das Wissen der Mitarbeiter verloren und in 30 Jahren müsste man sich fremde Arbeiter suchen, die die Anlage überhaupt nicht kennen." Mit möglicherweise gravierenden Abstrichen bei der Sicherheit, denn es geht um brisanten Atommüll.

"In vielen Punkten sind wir mit der Atomaufsicht sehr nah zusammen", versuchte Ingo Neuhaus von Vattenfall zu beschwichtigen. Der unabhängige Gutachter Dr. Wolfgang Neumann vom Büro "intac" pflichtete ihm sogar bei, dass man die Entscheidung über Abriss oder "sicheren Einschluss" nicht überstürzen dürfe. Zunächst müssten seiner Meinung nach alle Brennelemente entfernt sowie der Kühlkreislauf entleert und dekontaminiert werden. "Sonst setzt man das Personal beim Rückbau nur unnötig einer hohen Strahlenbelastung aus", so Neumann.

Doch der Atomaufsicht sind bisher die Hände gebunden. Das Gesetz lässt viele Fragen in Zusammenhang mit Stilllegung und Rückbau der AKW offen, und Vattenfall scheint sich nicht wirklich engagiert darum zu kümmern. "Für mich spielt Vattenfall auf Zeit", ärgerte sich Karl-Heinz Francke in der Fragestunde für die Zuhörer. Und Bettina Boll wollte wissen, wie denn das Standortzwischenlager, in dem künftig wohl 42 Castorbehälter mit radioaktivem Abfall stehen werden, ohne die "heiße Zelle" auskommen soll, wenn das Kraftwerk zurückgebaut ist. In dieser "heißen Zelle" werden die Behälter bisher im Kraftwerksgebäude gehandhabt. "Es sind eine Menge Mängel auszuräumen", bilanzierte Jürgen Vollbrandt, der die Veranstaltung moderierte.

"Die Stilllegung und der Rückbau eines Kernkraftwerks sind eine sehr komplizierte Angelegenheit. Wir haben in Deutschland aber mehr Erfahrungen damit als man denkt", sagte Oliver Karschnick von der Atomaufsicht. So sei beispielsweise das AKW Stade bereits weitgehend demontiert. Eine Gefahr, die der Experte sieht, ist der Fachkräftemangel.

"Den werden wir nicht nur bei den Betreibern, sondern auch bei Gutachtern und Behörden haben", berichtete Karschnick. Denn all das, was Vattenfall irgendwann einmal beantragen wird, muss die Behörde prüfen und durch Gutachter begleiten lassen. "Die Kraftwerke müssten eigentlich unverzüglich stillgelegt werden, doch solange Vattenfall keinen Antrag stellt, sind uns die Hände gebunden", sagte Cloosters. Er regte an, dass es eine Initiative zur Änderung des Atomgesetzes geben müsse - um entsprechend Druck auf den Konzern ausüben zu können.

"Wir werden die Herausforderungen zügig, aber mit der nötigen Verantwortung angehen", sagte Ingo Neuhaus von Vattenfall. Man werde nichts überstürzen. Der Meiler in Brunsbüttel (Baujahr 1976) habe dabei Priorität, erst später werde man sich um Krümmel (Baujahr 1984) kümmern können. Schließlich habe man ja auch nicht beide Anlagen parallel aufgebaut, so Neuhaus.

Michael Hoffmann vom Bundesamt für Strahlenschutz mahnte vor den gut 200 Interessierten im Ratssaal, dass "auf der Schiene der Behälterzulassung noch einiges zu tun" sei. Ohne neue Zulassungen für modernere Castorbehälter könne die Einlagerung der Brennelemente aus den Atomkraftwerken nicht angegangen werden. Zudem sei unklar, wie mit defekten Brennelementen, die es in Krümmel gibt, umgegangen werden soll.