Trend

Bleibende Werte

Geesthacht (knm). Egal, ob Totenköpfe, chinesische Schriftzeichen oder Engelsflügel: Tattoos scheinen ein Trend unserer Zeit zu sein.

Laut einer Studie der Uni Leipzig von 2009 ist jeder vierte Deutsche zwischen 25 und 34 Jahren tätowiert. Ein Bummel durch die Fußgängerzone an einem warmen Tag fördert entsprechend Blumen, Einhörner, Buchstaben oder Ethno-Muster (Tribals) an aller Herren- und Damen-Körperstellen zu Tage.

"Ich habe mich für einen blauen Schmetterling entschieden, weil er für mich ein Symbol für Freiheit ist", sagt die gelernte Bürokauffrau Vanessa Schubert (26) aus Lauenburg und zeigt ihren Knöchel. Ein Totenkopf, orientiert an den Bösewichten bekannter Comics, prangt auf dem Unterarm von Darius Joope (48) - nur eines von sechs Tattoos. "Ich habe mich schon als Kind immer bemalt", schmunzelt der Geesthachter. Als Bäcker würden ihn die Tattoos im Job nicht stören.

Auch wenn die Anzahl tätowierter Menschen zunimmt, ist der Trend, den Körper zu bemalen, mitnichten neu, weiß Dr. Oliver Bidlo. Der 39-Jährige ist Soziologe und Kommunikationsforscher an der Universität Duisburg-Essen und hat über das Thema "Tattoo. Die Einschreibung des Anderen" ein Buch veröffentlicht. "Tätowierungen gibt es eigentlich von Anbeginn der menschlichen Entwicklung", sagt der Wissenschaftler. Schon die Kelten haben sich tätowiert, genau wie Südseevölker und Seefahrer. Im Mittelalter trugen Kaufleute das Zeichen ihrer Gilde auf der Haut. Später kamen Gefängnis-Tattoos hinzu.

Neu ist es also nicht, den Körper zu verzieren. Neu ist es aber durchaus, dass Tätowierungen heute zum Mainstream geworden sind. "Etwa seit Mitte der 90er-Jahre sind Tattoos über Musiker, Popstars und Sportler medial sehr präsent geworden", sagt Bidlo und nennt als Beispiel den Handballer Stefan Kretzschmar, der mit dem Slogan "Trag deine eigene Haut, nicht die von Tieren" für die Tierrechtsorganisation Peta Werbung machte. In dieser Zeit seien Tattoos massenkompatibel geworden. "Entsprechend haben heute viele Menschen Tattoos, von denen man es nicht erwartet, wie Bettina Wulff, Ehefrau des ehemaligen Bundespräsidenten."

Darum hat Oliver Bidlo die These aufgestellt, dass das Tattoo mittlerweile ein konservatives Zeichen ist. "Mit einem Tattoo wollen viele Menschen in einer schnellen Welt etwas konservieren, zum Beispiel die Erinnerung an ein biografisches Ereignis oder einen Wert, der für sie wichtig ist." Es symbolisiere oft den Wunsch nach Stabilität und Beständigkeit in einer Welt, in der alles im Fluss sei. "Es ist aber auch eine Form von Inszenierung und Individualisierung." Somit sind Tattoos auch Zeichen der Zeit, in der wir leben.