Kleine Patientin

Bitte Daumen drücken für Hanna!

Geesthacht. Hanna hat Angst und ist aufgeregt. Und darum kann sie sich erst gar nicht entscheiden, ob sie ein Foto von sich machen lassen will oder nicht. Es gibt ein bisschen Streit mit einer ihrer Ersatzmamas, Tränen fließen, dann wagt das Mädchen doch noch ein Lächeln. Kein Wunder, dass die Nerven bloß liegen: Der Achtjährigen steht eine entscheidende Operation bevor.

Hanna leidet am Undine-Syndrom, einer sehr seltenen Krankheit. Immer, wenn sie einschläft, hört ihr Herz auf zu schlagen. Im vergangenen Jahr wurden ihr zwei Schrittmacher ins Zwerchfell eingesetzt, die die Atmung anregen sollen. Doch weil einer nicht funktioniert, konnten beide nicht in Betrieb genommen werden. Am Montag wird Hanna nun erneut operiert - dann entscheidet sich, ob der Schrittmacher doch noch anspringt.

"Wir brauchen jetzt zur Abwechslung mal keine Spendengelder, sondern ganz viele Menschen, die die Daumen drücken", sagt Sabine Trunk, Pflegedienstleiterin von "Kids in Pflege" der Helios-Klinik. 5500 Euro hatten allein die jungen Fußballer der Schwarzenbeker Tiger auf dem Markt gesammelt. Damit sind der Flug nach München und die Unterbringung für die Begleiterinnen gesichert. Auch viele Geesthachter hatten gespendet, und erst kürzlich brachte eine Familie Einkaufsgutscheine für Kleidung vorbei. "Ein ganz großes Dankschön an alle! Das ist eine große Unterstützung", sagt Sabine Trunk.

Sie wird die kleine Hanna nach München begleiten, sich dort mit einer Kollegin ablösen. Dafür gibt es Sonderurlaub von der Helios-Klinik.

Dort lebt Hanna seit sechseinhalb Jahren in der kleinen Pflegeeinrichtung. Sabine Trunk und ihre Kolleginnen versuchen, ihr so gut wie möglich ein Zuhause zu ersetzen. Denn eine Familie hatte Hanna nie. Die ersten Monate nach ihrer Geburt verbrachte sie auf Intensivstationen. Der Kontakt zu ihren Eltern, die nicht aus der Region kommen, ist abgerissen.

"Es sind schwierige familiäre Verhältnisse, Hanna kann dorthin nicht zurück", sagt Sabine Trunk. Sie nimmt das Mädchen, das nun schon in die zweite Klasse der Förderschule geht, ab und zu mit, wenn sie Ausflüge mit ihrer Enkelin an die Ostsee oder in den Tierpark macht. Hanna bekommt auch Besuch von ihrer Freundin Helena, die sie noch aus Kindergartenzeiten kennt. Und zu den Schwarzenbeker Tigern ist ein freundschaftlicher Kontakt entstanden, so manches Fußballspiel steht auf dem Programm.

Wenn es nächste Woche gelingt, den Schrittmacher in Hannas rechter Seite in Gang zu setzen, dann könnte sie irgendwann noch mehr Bewegungsfreiheit genießen. Denn zurzeit steckt in Hannas Luftröhre noch eine Kanüle. Daran wird, immer wenn sie schläft, ein Beatmungsgerät angeschlossen. "Unser Ziel ist es, dass Hanna davon unabhängig wird", sagt Sabine Trunk.

Gelingt es nicht, den Schrittmacher zu aktivieren, dann muss er entfernt werden. Denn vermutlich sind gereizte Nerven im Zwerchfell die Ursache - das tut Hanna auch manchmal weh. Die ersehnten Schritte in die Freiheit könnten sich dann deutlich verzögern: "Dann müssen wir ganz von vorn anfangen, ein Jahr später wieder einen Versuch machen", so Sabine Trunk.

Im Münchener Klinikum Dritter Orden weiß sie ihren Schützling in guten Händen. Die Klinik ist auf Kinder mit Undine-Syndrom spezialisiert. Bei der Krankheit handelt es sich um einen sehr seltenen Gen-Defekt. Weltweit gibt es nur etwa 300 Menschen, die daran leiden. Der Name Undine-Syndrom geht auf eine germanische Legende zurück, in der die Nymphe Undine einen Fluch über ihren untreuen, irdischen Mann legte, so dass er im Schlaf starb. Bei den Betroffenen fehlt die normale Atmungskontrolle. Wenn das Bewusstsein aussetzt und die Sauerstoffkonzentration im Blut sinkt, fehlt der Impuls weiterzuatmen.