Schicksal

Unendlich dankbar für das neue Leben

Wiershop/Gülzow. Es ist der 21. Juni im Jahr 2008 gegen 21 Uhr. Bei der Europameisterschaft gewinnt Russland in Wien gerade gegen die Niederlande (3:1). Zeitgleich ist Katrin Lahann aus Gülzow in ihrem roten VW auf dem Heimweg.

Sie war im See bei Hemmoor zum Tauchen. Ihr großes Hobby. Kurz hinter Wiershop verliert die Frau plötzlich aus bis heute ungeklärten Gründen die Kontrolle über ihr Auto. Der Golf rast frontal gegen einen Baum neben der Straße und wird dann in ein angrenzendes Getreidefeld geschleudert. Sofort geht der Wagen in Flammen auf - Katrin Lahann sitzt eingeklemmt und schwer verletzt in dem brennenden Wrack auf dem Fahrersitz. Es erscheint wie ein Wunder, dass die 44-Jährige diesen Horrorunfall vor genau vier Jahren überlebt und sich zurück ins Leben gekämpft hat.

"Um mich herum müssen Tausende Schutzengel unterwegs gewesen sein. Ich bin den vielen Menschen, die um und für mich, meine Eltern und meine beiden Söhne gekämpft und mit ihnen gehofft haben, so unendlich dankbar", sagt Katrin Lahann.

Nach dem Unfall ist Katrin Lahann zunächst bei vollem Bewusstsein. Ihr rechter Fuß ist schwer eingeklemmt, unter der Hitze des Feuers schmilzt der Kunststoff im Innenraum und schweißt den Fuß regelrecht ein. Ihr Körper setzt große Mengen Adrenalin frei, so dass die 44-Jährige die wahnsinnigen Schmerzen, die sie in dieser gefährlichen Situation haben muss, nicht spürt.

Sie hat Glück, denn Gülzows Feuerwehrleute brauchen nach dem Alarm nur noch in die Löschwagen zu springen und können sofort ausrücken. Sie waren zufällig gerade an der Feuerwache zum Dorffest versammelt und sind blitzschnell vor Ort. "Diese Augenblicke des Zeitvorsprungs sind es wohl, denen ich mein Leben zu verdanken habe", meint Katrin Lahann rückblickend. Sie kann sich noch ganz genau an eine besondere Szene erinnern, die sie hilflos in den Flammen erlebt hatte: "Da tauchte aus dem ganzen Qualm plötzlich Oliver Kraft auf. Der ist in Gülzow Feuerwehrmann, den kenne ich, und da wusste ich, alles wird gut. Ich habe mich sogar entspannt in dem brennenden Fahrersitz zurückgelehnt."

Und tatsächlich weicht Kraft der Verunglückten in der nächsten Stunde nicht mehr von der Seite, beruhigt sie, kühlt ihre im Kunststoff gefangenen Beine, löscht die brennende linke Hand der eingeklemmten Frau.

Vom Fahrersitz blieb nur ein Stück graues Polster

Der inzwischen eingetroffene Notarzt gibt der 44-Jährigen eine Narkose, die Feuerwehrleute aus Gülzow und die zur Unterstützung angerückten Kameraden aus Wiershop, Kollow, Hamwarde und Geesthacht schneiden die Schwerverletzte mit hydraulischen Rettungsgeräten aus dem Wagen. Vom Fahrersitz ist nach ihrer Rettung nur noch ein kleines graues Stück Polster übrig. Das Stück, auf dem Katrin Lahann gesessen hatte. Alles andere ist verbrannt.

Ein Rettungswagen bringt sie ins Unfallkrankenhaus nach Boberg. Hier arbeiten die Spezialisten der Intensivstation und des Brandverletztenzentrums Hand in Hand. "Ich habe die Bilder gesehen, die nach der Einlieferung von mir gemacht wurden, die sahen echt krass aus", erinnert sich die 44-Jährige. Eine Woche liegt sie im Koma, lange ist unklar, ob sie die schweren Verletzungen überleben wird. Ihr rechter Fuß, der nur noch an einigen Muskelsträngen hängt, wird sofort amputiert, wegen der Brandverletzungen vierten Grades wird ihr auch der Unterschenkel des rechten Beines abgenommen. Zwei Wochen später folgen alle Finger der rechten Hand, um eine Vergiftung zu verhindern. Der linke Ellenbogen, mit dem Katrin Lahann verzweifelt versucht hatte, die Autoscheibe einzuschlagen und den sie sich dabei völlig zertrümmerte, wird von den Ärzten versteift. Mehr als 40 Operationen folgen, auch am Kopf, der auf der rechten Seite stark verbrannt ist. Ihre langen braunen Haare trägt sie heute von links gescheitelt über die rechte Hälfte.

Während der Physiotherapie stürzt die arg lädierte Frau im Krankenhaus und bricht sich zu allem Überfluss auch noch die linke Kniescheibe. Eine Operation gilt aufgrund einiger Transplantationen an dem beim Unfall verbrannten Knie als zu riskant, sie trägt jetzt eine Orthese, eine Schiene, die das Knie stützt. Rechts kann sie eine Prothese nutzen, wenn sie allein unterwegs ist, nimmt sie aber lieber den Rollstuhl. Damit fühlt sie sich mobiler und sicherer.

Zu Hause in Gülzow hat sie mit ihrer Mutter die Etage getauscht. Das Erdgeschoss ist für den Rolli besser geeignet, Freunde haben ihr eine Rampe ins Haus gebaut. "Ich bin so unendlich dankbar und so froh, dass ich mein Leben habe", sagt Katrin Lahann zufrieden. "Es ist für mich unglaublich ergreifend, zu wissen, wie viele Menschen sich nach dem Unfall um meine Rettung bemüht haben", sagt die 44-Jährige. "Es stand lange auf Messers Schneide, aber ich hab es geschafft. Weil ich wohl vorher schon sehr fit war, weil die Feuerwehrleute so schnell da waren, weil die Ärzte und die Schwestern sich in Boberg so gut um mich gekümmert haben und ich in einer sehr intakten, tollen Familie geborgen bin. Dazu kommt eine Dorfgemeinschaft, die mich trägt", sagt die Gülzowerin.

Vier Monate lag sie auf der Intensivstation, sechs Monate im Brandverletztenzentrum, später folgten für Operationen weitere Krankenhausaufenthalte. Auch heute, vier Jahre nach dem schweren Unfall, läuft ihre Reha noch. "Man darf den Mut nicht verlieren. Erst ist es so, als hätte man sehr viel verloren, aber dann merkt man, was man sich alles zurückerobern kann, wenn man es nur will. Man lernt, seinen Körper viel effektiver einzusetzen, um sich mit der Situation zu arrangieren", berichtet Katrin Lahann vier Jahre nach ihrem fürchterlichen Unfall mit voller Überzeugung.

Die 44-Jährige geht oft schwimmen und taucht sogar wieder. "Das war vorher mein großes Hobby und ich war so stolz auf meine eigene Tauchausrüstung, die ich gerade komplett hatte. Leider ist die im Auto verbrannt", sagt sie. Das Feuer in ihrem Auto hatte sie damals gar nicht richtig wahrgenommen, wohl aber den Rauch. "Noch heute reagiere ich auf Qualm nicht so gut. Bei einem Besuch im Planetarium habe ich das erstmals gemerkt, als Kunstnebel aufkam. Da hatte ich Herzrasen", sagt sie. Und dann sind da noch unangenehme Phantomschmerzen des amputierten Beines.

Heute oft bei ihren Rettern zu Besuch

"Wenn ich heute die Sirene für den Alarm der Feuerwehr höre, verfolge ich manchmal die Zeit, bis ich das Martinshorn höre. Dann weiß ich, dass es die Anwesenheit der Feuerwehrleute am Gerätehaus war, die mich gerettet hat, alles andere hätte für mich sicher zu lange gedauert", sagt die frühere Sachbearbeiterin im Groß- und Außenhandel. Oft ist sie bei ihren Rettern zu Gast, guckt etwa jetzt bei der Fußballeuropameisterschaft mit ihnen gemeinsam die deutschen Spiele. "Ich weiß, dass es im ersten Moment für viele Feuerwehrleute aus dem Dorf am Unfallort nicht einfach war, weil man meinen Wagen und mich gleich erkannt hat. Aber es gibt ein tolles Netzwerk innerhalb der Feuerwehr, da hat alles gut funktioniert", sagt die Gülzowerin. "Mein Schicksal hat alle sehr bewegt und man hat mich herzlich wieder aufgenommen", freut sich Katrin Lahann.

Heute Abend um 22 Uhr wird sie Gast in der Talkshow "Unter uns" des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) sein.