Prozess

Angeklagter ist voll schuldfähig

Geesthacht/Lübeck. "Herr L. ist psychisch nicht auffällig, es gibt keine Anzeichen für eine hirnorganische Erkrankung, er hat sich in seinem bisherigen Leben sozial angepasst verhalten. Eine verminderte Schuldfähigkeit kann ich nicht erkennen."

Zu dieser Einschätzung kam der psychiatrische Sachverständige Dr. Wolfram Schreiber gestern im Prozess gegen Jens L. vor dem Landgericht Lübeck. Der 44-Jährige soll im November vergangenen Jahres die Rentnerin Waltraut V. (72) in ihrer Wohnung im Neubaugebiet Pappelwäldchen in Geesthacht brutal mit einem Betonstein erschlagen und die Leiche in einem Wandschrank versteckt haben (wir berichteten). Das Tatmotiv soll Habgier gewesen sein.

Vor der Lübecker Mordkommission hatte L. die Bluttat zunächst gestanden, sein Geständnis aber später widerrufen. Während des Prozesses machte er von seinem Recht zur Aussageverweigerung Gebrauch und äußerte sich nur noch mit gelegentlichen Zwischenrufen zur Sache.

Der psychiatrische Sachverständige stand nun vor der schwierigen Aufgabe, den Angeklagten nur aufgrund seiner Beobachtungen während des Prozesses und nach Akteneinsicht zu beurteilen. Denn auch mit ihm wollte Jens L. nicht reden.

Der Gutachter beschrieb den Angeklagten als "zwiespältige Persönlichkeit". Jens L. wirke äußerlich ruhig, sei aber innerlich oft angespannt und neige auch zu gelegentlichen Wutausbrüchen. Sein Aussageverhalten könne in zwei unterschiedliche Phasen aufgeteilt werden. "Er war zunächst durchaus kooperativ und sachlich", so der Gutachter, "sobald die Kriminalbeamten und das Gericht ihn aber mit belastenden Indizien konfrontierten, wurde er konfus, seine Aussagen hatten dann keine innere Logik mehr." Andererseits habe Jens L. während des Prozesses manchmal einen völlig unbeteiligten Eindruck gemacht: "Als die furchtbaren Verletzungen des Mordopfers geschildert wurden, aß er in aller Ruhe einen Apfel", sagte der Psychiater.

Merkwürdiges Verhalten zeigte L. auch gestern. Im Gerichtssaal wurde ein Videorecorder mit einem großen Monitor aufgebaut. Das Gericht schaute sich noch einmal den Film der Überwachungskamera aus der Sparkasse an. L. hatte mit der Bankkarte des Mordopfers zweimal Geld abgehoben. "Jetzt werde ich hier noch zum Fernsehstar", meinte er dazu und handelte sich damit einen scharfen Verweis der Staatsanwältin Dr. Ulla Hingst ein: "Dies ist hier keine Spaßveranstaltung."

Bei einer Verurteilung wegen Mordes muss Jens L. mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe rechnen. Der Vorsitzende Richter Christian Singelmann gab jedoch den rechtlichen Hinweis, dass L. auch wegen Raubes mit Todesfolge verurteilt werden kann - wenn das Gericht ihm keine Tötungsabsicht nachweisen kann. Hier reicht der Strafrahmen von zehn Jahren bis lebenslänglich. Weil L. nach dem Widerruf seines Geständnisses nichts mehr zur Sache ausgesagt hat, muss das Gericht sich auf Indizien stützen. Das Urteil soll am 5. Juli ergehen.