Trockene Alkoholiker

Lebenslanger Kampf gegen die Sucht

Geesthacht (pas). Fred Abel war Mitte 30, als er die Kontrolle verlor. Eigentlich war er immer ein Genusstrinker gewesen. Doch schleichend wurde daraus eine Sucht und der Alkohol zum täglichen Begleiter.

Auf dem Höhepunkt der Abhängigkeit funktionierte Fred Abel nicht mehr ohne einen Kasten Bier und anderthalb Flaschen Korn am Tag. "Ich brauchte das, um meinen Pegel zu halten", erinnert sich der heute 70-Jährige.

Alkoholsucht - daran leiden nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes bundesweit etwa 2,5 Millionen Menschen. Die Zahlen der Alkohol- und Drogenberatung des Kreises Herzogtum Lauenburg zeigen, dass die Tendenz steigt. So waren es 2009 kreisweit 830 Menschen, die im Hinblick auf ein Alkoholproblem beraten wurden, ein Jahr später waren es schon 930.

Fred Abel war lange nicht bewusst, dass er an einer Krankheit litt. Auch im Beruf merkte man ihm nichts an. "Dort habe ich es geschafft, meine Sucht zu verstecken", erzählt Abel. Seine Ehe aber war kurz davor, in die Brüche zu gehen. Ein Unfall rettete Abel. Im Krankenhaus wurde er zwangsweise auf Entzug gesetzt. "Das war die Wende", erinnert sich Abel. Er schaffte es, trocken zu bleiben. "Nach der Therapie war der Besuch einer Suchtselbsthilfegruppe enorm wichtig für mich", erzählt er. Hier konnte er seine Sorgen und Nöte loswerden und über seine Ängste sprechen. Hier lernte er, was es bedeutet, trockener Alkoholiker zu sein. "Alkoholiker bleibt man sein Leben lang. Man muss stark sein, um es zu schaffen, in allen Lebenslagen keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren", sagt der Geesthachter.

Als es ihm besser ging, wollte er mehr Menschen mit Alkoholproblemen helfen und gründete die Geesthachter Suchtselbsthilfegruppe "Die Weiche", die auch Medikamentensüchtigen offen steht und sich jeden Dienstag von 9.30 Uhr bis 11 Uhr im Oberstadttreff, Dialogweg 1, trifft. Hier reden die Gruppenteilnehmer über alles. Sie erzählen sich die großen und kleinen Ereignisse des Alltags, sprechen darüber, wenn sie bei einer Krise wieder daran gedacht haben, zum Alkohol zu greifen oder es sogar getan haben, erzählen sich all ihre Ängste und Sorgen, aber auch ihre Erfolge und Zukunftspläne. "Hier muss sich niemand erklären oder entschuldigen. Kein Problem ist lächerlich. Und sobald man es ausgesprochen hat, ist das schon der erste Schritt in Richtung Besserung", sagt Abel.

Suchtselbsthilfegruppen, sagt er, seien keine kurzzeitige Hilfe. "Trockene Alkoholiker sollten ein Leben lang in so einer Gruppe sein", sagt er. Denn das Schwierigste sei es tatsächlich, nach dem Entzug und einer Therapie auch im Alltag den Alkohol zu meiden und nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. "Oft warten nach der Therapie die alten Freunde. Dann ist oft der Alkohol nicht weit. Da muss man stark bleiben", sagt Abel. Am besten ginge das eben durch die lebenslange Begleitung einer Selbsthilfegruppe. Er kritisiert, dass das Angebot dieser Gruppen viel zu wenig bekannt sei. "Öffentliche Institutionen und Ärzte müssen viel mehr über diese Gruppen informieren, wenn sie nicht wollen, dass Menschen wieder rückfällig werden", sagt er. Besonders in Seniorenheimen möchte er die Möglichkeit der Selbsthilfegruppen für Alkoholiker bekannter machen. Abel: "Viele alte Menschen dort leiden unter Medikamenten- oder Alkoholsucht, ohne dass sie es wissen oder zugeben würden. Hier sind die Pfleger gefragt, dieses Problem zu erkennen und diesen Menschen zu helfen. Zum Beispiel, indem sie sie an unsere Selbsthilfegruppe verweisen." Denn dass das Leben damit nur besser werden kann, hat Fred Abel selbst erlebt. Er konnte mit der aktiven Auseinandersetzung mit seiner Sucht auch seine Ehe retten.

"Trockene Alkoholiker sollten ein Leben lang in einer Selbsthilfegruppe sein." Fred Abel, "Die Weiche"