Modellprojekt "Blickpunkt Auge"

Wenn die Welt verschwimmt

Geesthacht. 5000 blinde Menschen leben in Schleswig-Holstein, weit mehr als 20 000 haben nur noch 30 Prozent ihres Sehvermögens oder weniger. Und es gibt viele weitere, die mit deutlichen Einschränkungen leben müssen.

Das wirkt sich oft auf das ganze Leben aus: Die Menschen werden ängstlich und unsicher, das Umfeld wird immer kleiner, soziale Kontakte schlafen ein. "Denn 90 Prozent unserer Wahrnehmung geschieht über die Augen", sagt Ulf Dollerschall. Er ist Koordinator eines neuen Projektes: "Blickpunkt Auge" bietet Rat und Hilfe bei Sehverlust.

In vier Bundesländern läuft das Modellprojekt, zunächst vier Jahre lang. Schleswig-Holstein ist neben Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt dabei und hat bereits 20 ehrenamtliche Berater ausgebildet. Denn hier wird es - anders als bei den übrigen Beteiligten - auch dezentrale Sprechstunden geben. "Wir sind ab sofort an jedem zweiten Mittwoch im Monat in Geesthacht", sagt Julia Sembritzki. Sie reist dann mit mehreren Koffern voller Hilfsmittel an. Darin zum Beispiel: ein Lesegerät, das eine Vorlage auf den Computer-Bildschirm überträgt. Damit können stark Sehbehinderte sogar ihre Kontoauszüge lesen.

Es gibt viele technische Möglichkeiten. Doch den Ratsuchenden Mut machen und auf ihrem ganz persönlichen Weg helfen - das steht für Julia Sembritzki ganz oben. Sie nimmt sich viel Zeit für jeden Besucher. "Die seelische Not ist oft groß", weiß die Beraterin. Sie bietet Besuchern einen Arm an, führt sie zum Tisch, sorgt mit Informationen wie "Hier ist die Stuhllehne" für Orientierung. Auch im Gespräch achtet sie darauf, nicht nur stumm zu nicken, sondern mit kleinen Wörtern und Sätzen Rückmeldung zu geben.

"Das ist sehr wichtig, denn der Blinde sieht sein Gegenüber ja nicht", sagt Ulf Dollerschall, der selbst betroffen ist. Gerade mal 1,5 Prozent seines Sehvermögens sind ihm nach einem doppelseitigen Netzhaut-Infarkt geblieben, der vor sechs Jahren die Äderchen in seinen Augen platzen ließ. Dollerschall hat erlebt, zu welchen Verunsicherungen und Missverständnissen seine Blindheit führte: "Bekannte, die mir begegneten, hielten mich plötzlich für arrogant, weil ich nicht mehr grüßte."

Er zog sich nicht zurück, wie so viele andere, sondern kämpfte, engagierte sich im Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. "Unsere Mahnwachen gegen die Halbierung des Blindengeldes haben etwas gebracht", freut sich Dollerschall. Um 100 Euro soll es nun wieder auf 300 erhöht werden, haben die neuen Mehrheitsfraktionen im schleswig-holsteinischen Landtag versprochen. "Mit unseren Sprechstunden wollen wir ein niedrig schwelliges Angebot machen", erklärt Dollerschall. Ob Makula-Degeneration, Glaukom (Grüner Star) oder diabetische Netzhauterkrankungen - die Berater wollen Betroffene nach dem Schock der Diagnose möglichst früh auffangen, über Hilfsmittel und Trainings informieren und über Rechte aufklären. Auch begleitende Stammtische und eine zentrale Telefonnummer sind geplant. "Wir beraten unabhängig, vertraulich und kostenlos", sagt Julia Sembritzki.

Termine für die Sprechstunden m Geesthachter Rathaus können unter Telefon (04 51) 40 85 08 13 vereinbart werden. Nächster Termin: Mittwoch, 13. Juni, von 10 bis 13 Uhr.