Mordprozess

Geständnis von Jens L. wertlos?

Geesthacht. Dramatische Entwicklung im Mordprozess gegen Jens L.: Das vor der Lübecker Mordkommission abgelegte Geständnis des 44-Jährigen kann vielleicht nicht als Beweismittel verwertet werden.

Das stellte sich am gestrigen zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Lübeck heraus. Jens L. wird beschuldigt, am 5. November 2011 die 72-jährige Waltraut V. in ihrer Wohnung am Pappelwäldchen 1 in Geesthacht aus Habgier erschlagen zu haben (wir berichteten). Nach seiner Festnahme hatte L. die Tat zunächst zugegeben, das Geständnis aber später widerrufen.

In einer über dreistündigen Zeugenvernehmung schilderte der Lübecker Kriminalbeamte Bernhard L. (57), wie es zu dem Geständnis gekommen war. Danach hat der Beamte mit einem Kollegen den Verdächtigen fast sieben Stunden lang in Geesthacht vernommen. "Alles ging korrekt zu. Wir haben den Beschuldigten über sein Recht zur Aussageverweigerung und darüber belehrt, dass er jederzeit einen Anwalt hinzuziehen dürfe." "Das stimmt nicht", fuhr der Angeklagte dazwischen.

Jens L. habe erklärt, dass er "nichts zu verbergen" habe und auf einen Anwalt verzichte, fuhr der Zeuge fort. Den Mord an der Seniorin habe er abgestritten, sich aber immer tiefer in Widersprüche verwickelt. "Zu keinem Zeitpunkt haben wir ihn zu einem Geständnis gedrängt, wie er und seine Verteidigerin später behaupteten", so der Beamte. "Wir haben ihn allerdings mit dem bei ihm gefundenen Zettel mit der Bankkarten-Pin-Nummer der Ermordeten sowie mit der Tatsache konfrontiert, dass Leichenspürhunde am Fahrersitz seines Pkw angeschlagen hätten."

Am späten Nachmittag fuhren die Polizisten mit Jens L. nach Lübeck, dort sollte er am nächsten Morgen dem Haftrichter vorgeführt werden. Auf dem Weg in die Arrestzelle wollte er "doch plötzlich etwas sagen", so der Kripo-Beamte, "im Dienstzimmer erklärte er dann, Frau V. auf deren eigenen Wunsch mit einem Mauerstein erschlagen zu haben. Sie wollte wegen ihrer schweren Krankheit nicht mehr leben, es sollte aussehen wie ein Gewaltverbrechen".

Frage des Vorsitzenden Richters Christian Singelmann: "Wurde der Beschuldigte auch vor dieser Aussage über sein Recht zur Aussageverweigerung hingewiesen?" Daran könne er sich nicht genau erinnern, "vielleicht ist die Belehrung in diesem Fall versäumt worden", sagte der Zeuge. "Die fehlende Belehrung kann nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs bedeuten, dass das Geständnis für das Gericht wertlos ist", erklärte die Verteidigerin des Angeklagten, Lena Alpay-Esch, unserer Zeitung in einer Pause.

Auch zwei Nachbarinnen von Waltraut V. wurden vernommen. Die alte Dame sei nach langer Krankheit wieder munter und vital gewesen, erklärten sie übereinstimmend. "Ich sah Frau V. mit einer Mülltüte zum Container gehen und freute mich, dass sie wieder so beweglich war", sagte die 50-jährige Sabine S., "kurze Zeit später musste ich erfahren, dass sie noch am selben Tag ermordet wurde."

Der Prozess wird fortgesetzt.