Familienalltag

Bei ihnen ist sechsfacher Muttertag

Manchmal ist Sandra Voss einfach nur erschöpft. Dann sehnt sie sich nach Urlaub oder einfach nur nach einer Stunde für sich allein. Aber trotzdem möchte sie aus ihrer Rasselbande keinen Einzigen missen: Die 33-Jährige ist Mutter von sechs Jungs. "Ich bin Schneewittchen mit den sieben Zwergen", sagt die Geesthachterin. Denn zur Familie gehört auch ihr Mann Sascha, 38 Jahre alt aber nicht wirklich ein Zwerg.

Es ist nicht zu leugnen: Sandra Voss ist allein im Männerkreis. "Dabei habe ich mir immer ein Mädchen gewünscht", sagt sie. Sie sei da wohl etwas aus der Familienart geschlagen, denn ihre Oma, ihre Mutter und ihre Schwester haben jeweils zwei Töchter. Doch bei Sandra und Sascha Voss bestimmt nun ein quirliges Sohn-Sextett den Alltag. Da ist Xavier, mit elf Jahren der Älteste. Niklas wird im Juni neun, Leon ist acht, Julien sechs. Und die Kleinen: Das sind der vierjährige Danny und der zweijährige Marian. Manchmal ist noch Celine (11) dabei, die Tochter von Sascha Voss aus einer früheren Beziehung.

So richtig geplant war der Kindersegen nicht. Doch schon ihre Ausbildung zur Fleischerei-Fachverkäuferin schloss Sandra Voss schwanger ab. Vom Vater der ersten beiden Kinder trennte sie sich in der zweiten Schwangerschaft. "Und Sascha und ich wollten auch gemeinsame Kinder", erzählt sie. Julien wurde geboren - er hat das Down-Syndrom und sollte noch gesunde Geschwister bekommen. Und dann war da noch der Mädchenwunsch . . .

"Am schwierigsten finde ich es, für alle genug Zeit zu haben und allen gerecht zu werden", sagt Sandra Voss. Kein Wunder: Die Waschmaschine läuft drei- bis viermal am Tag, die Spülmaschine zweimal. Für die Großfamilie muss eingekauft und gekocht werden. Und täglich einmal durchwischen ist bei sechs Jungs, die auch gerne draußen toben, ein Muss.

Um 6 Uhr fängt der Tag für die Mutter an, 15 Brote werden geschmiert, Trinkflaschen gefüllt. Nur der zweijährige Marian bleibt zu Hause. Wenn alle zur Schule oder zum Kindergarten sind, hat Sandra Voss Zeit fürs Aufräumen und für die Hausarbeit. Mittags kocht sie - "oft Nudeln". Für so ein Essen muss einiges herangeschleppt werden, denn der Hunger der Jungs wächst mit ihrer Größe um die Wette. Doch der alte VW Polo der Familie ging kaputt und für ein neues Auto ist kein Geld da. "Meistens machen wir einen Großeinkauf in der Woche, fahren mit dem Bus hin und mit dem Taxi zurück", erzählt Sandra Voss. Allein 15 Liter Milch sind dann im Gepäck.

Ganz wichtig ist der Mutter die Betreuung der Hausaufgaben. "Das dauert bis etwa 15.30 Uhr und danach können alle raus zum Spielen." Oft stehen aber auch Termine an. Niklas leidet am Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom und muss zur Ergotherapie, Leon bekommt Logotherapie und singt im Oberstadtchor. Am meisten unterwegs sind die Eltern mit ihrem Julien. "Er muss oft ins Krankenhaus", sagt Sascha Voss. Das ist sein Part. Der 38-Jährige, der als Gärtner und Hausmeister gearbeitet hat, ist arbeitslos. Doch ohne ihn würde Sandra Voss es gar nicht schaffen. "Wer sollte bei den anderen Kindern bleiben?" fragt sie.

Demnächst ist noch mehr zu tun - ein Umzug steht an. Anfang Juni kann die Familie endlich in eine Viereinhalb-Zimmer-Wohnung ziehen, gegenüber ihrer jetzigen am Farmsener Weg. "Wir haben hier nur dreieinhalb Zimmer", sagt Sandra Voss. Die drei großen Jungs müssen sich eins teilen, die Eltern nächtigen auf dem Schlafsofa im Wohnzimmer.

Ein Experiment mit dem Landleben hat die Familie für gescheitert erklärt. In einem großen Haus in Gülzow hatte zwar jedes Kind ein eigenes Zimmer. Aber die viele Fahrerei war kaum zu bewältigen.

Die Suche nach einer neuen Wohnung dauerte. "Viele wollen keine Großfamilie im Haus oder in der Nachbarschaft", sagt Sandra Voss, die wie ihr Mann Sascha die scheelen Blicke kennt, wenn die komplette Schar erscheint: "Da gibt es viele Vorurteile."

Der wohl größte Wunsch der Mutter: Einmal mit allen Urlaub machen. Doch für die Fahrt mit so viel Gepäck fehlt das Auto, auch Ferienwohnungen für acht Personen sind zu teuer. Vorerst bleibt also der kleine Urlaub zu Hause - vielleicht am Muttertag? Vater und Söhne wollen Sandra Voss das Frühstück ans Bett bringen. Und Xavier, der so oft mit seiner Mutter streitet, weiß auch schon, was er sagt, wenn er sein selbst gebasteltes Geschenk überreicht: "Ich hab Dich lieb, Mama!" Ein kurzer Moment zum Innehalten und Genießen, bis es Sandra Voss wohl in die Küche zieht - zum Aufräumen.