Praktikum

Blick in die Historie lohnt sich

Geesthacht (knm). Lässig ist ein Adjektiv, das ziemlich gut zu Martin Pommerening passt. Die Haare modern nach oben gestylt, Kapuzenpulli und eine schwarze, eckige Brille - vom Outfit her würde der 30-Jährige eher in eine Werbeagentur passen.

Aber wie so oft, bewahrheitet sich ein solches Schablonendenken nicht. Denn statt über Werbeslogans brütet Martin Pommerening lieber über dicken, alten Akten. Überaus ausdauernd hat der 30-Jährige sich während eines Praktikums im Stadtarchiv Geesthacht ein eigenes Forschungsthema erarbeitet: die Jugendpflege.

"Wir haben die Akten zu Geesthachts Jugendarbeit vor zehn Jahren vom Kulturamtsleiter bekommen", erzählt Stadtarchivar William Boehart. "Bisher hatten wir keine Zeit, sie zu bearbeiten." Doch das, was Martin Pommerening nun tut, geht über das Erfassen und Sortieren der dicken Ordner hinaus. Der Geesthachter begann sich für die Inhalte zu interessieren und war ruckzuck mittendrin in der Forschung, bleibt auch nach dem Praktikum dem Stadtarchiv erhalten.

"Mich interessiert vor allem die Frage, wie die Jugendpflege nach dem Zweiten Weltkrieg zu so einer wichtigen städtischen Aufgabe geworden ist", sagt Pommerening. Die britische Besatzungsmacht hat 1947 den Kreisjugendpfleger eingeführt. Sportvereine hatten außerdem einen wesentlichen Anteil, boten Freizeitbeschäftigung für Jugendliche. Interessant sei aber vor allem, was mit den nicht organisierten Jugendlichen war. Schließlich wurde das Jugendzentrum Alter Bahnhof erst 1984 gegründet. Bereits in den 70er-Jahren wurde aber der Wunsch nach einem selbstverwalteten Jugendzentrum laut. "Es gründete sich sogar ein Bündnis namens 'Aktion Jugendzentrum' (AJZ)", hat Martin Pommerening herausgefunden. Aus Zeitungsartikeln, Flugblättern und Protokollen weiß er, dass es einen heftigen Streit um die Selbstverwaltung gab. Dem AJZ wurde vorgeworfen, es sei vom kommunistischen Bund unterwandert. Doch das Engagement zeigte Wirkung, 1976 wurde Geesthachts erster Jugendpfleger H.H. Voigt eingestellt und das Städtische Jugendheim (heute die Düne) weitgehend von den Jugendlichen organisiert.

Im Herbst soll es einen Geschichtsabend zur Jugendpflege in Geesthacht geben. Martin Pommerening hofft, bis dahin sein Studium beginnen zu können. Eigentlich hat er Bürokaufmann gelernt und zehn Jahre in der Firma seines Vaters, bei Phoenix Umwelttechnische Anlagen, gearbeitet. Nun will er Geschichte und Englisch studieren. Dass das wissenschaftliche Arbeiten ihm liegt, hat er in den vergangenen sechs Wochen bewiesen. Und er sagt: "Geesthacht lohnt sich. Der Blick in die Historie verändert auch den Blick auf die Stadt heute."