Militär-Dokumente

Als am 7. April 1945 die Bomben fielen

Geesthacht. Eigentlich wollte Heinz Niemann im Internet nur nach einem Buch suchen. Doch dann stieß der Hobby-Historiker, der sich im Heimatbund und Geschichtsverein engagiert, zufällig auf ganz besondere Dokumente - unter anderem eine Kosten-Nutzen-Rechnung der Luftangriffe auf die Sprengstoff- und Dynamitfabriken in Krümmel, Düneberg, Clausthal und Troisdorf, die die amerikanischen Streitkräfte 1945 aufgestellt hatten.

Niemann sicherte sich das Angebot eines Verlags und bekam eine CD mit bisher geheim gehaltenen Unterlagen des US-Militärs.

"Wir müssen die Geschichte der Fabriken zwar nicht neu schreiben, aber wir haben eine Fülle an neuen Informationen erhalten", sagt Stadtarchivar Dr. William Boehart. "Gerade für die Zeit zwischen 1943 und 1945 geben uns die Unterlagen sehr viele neue Einblicke, denn es sind auch Dokumente aus der Führung der Fabriken dabei", sagt Boehart.

Am 7. April 1945 hatten die Alliieren Angriffe auf Düneberg und "Drummel", wie Krümmel in den historischen Unterlagen genannt wird, geflogen. Zwischen 12.50 und 13.22 Uhr fielen in Krümmel 1336 Bomben. Über Düneberg wurden zwischen 12.57 und 13.02 Uhr 1770 Bomben abgeworfen. "Kurz nach Kriegsende waren Amerikaner in Geesthacht zu Gast, um eine Bilanz des Angriffes zu ziehen", hat Boehart in den historischen Unterlagen entdeckt. "Man hat eine verhältnismäßig geringe Zerstörung festgestellt", so Boehart. Nicht einmal jede zweite Bombe hatte das Zielgebiet erreicht.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Mitteilung der Fabrikchefs an die Regierung in Berlin, die von massiven Schäden berichtete. Während nach Einschätzung der Amerikaner drei Wochen Zeit gereicht hätten, um die Produktionsanlagen wieder zu starten, hatten es die Fabrikchefs so dargestellt, als gäbe es Totalschäden. "Das ist merkwürdig, vielleicht wollte man dadurch versuchen, neue Investitionen zu vermeiden, um nicht noch einmal Ziel eines Angriffs zu werden", mutmaßt Niemann. Seiner Meinung nach war aber auch der Angriff auf Düneberg selbst sehr merkwürdig. In zwei Streifen wurden Schneisen durch das Gelände gesprengt - ohne markante Treffer, etwa auf die wichtigen Kraftwerke, zu erzielen. Dabei herrschte gutes Flugwetter.

In einem Vortrag präsentierten der Heimatbund und Geschichtsverein sowie der Stadtarchivar jetzt erstmals die neuen Erkenntnisse den interessierten Bürgern.

"Wir werden weiter daran arbeiten, Klarheit zu bekommen. Spannend bleibt vor allem die Frage, warum man so kurz vor Kriegsende überhaupt noch den Angriff auf Geesthacht geflogen ist. Es gab schon viel früher die Möglichkeit dazu", berichtet Boehart. Er will jetzt Kontakte zu einem Washingtoner Archiv aufnehmen, um unter anderem in den Unterlagen vorhandene Bilder als Originalabzüge zu bekommen. Boehart: "Und vielleicht kommen wir ja auf dem Weg auch noch an weitere Dokumente wie etwa den Einsatzbefehl für den Angriff am 7. April." Vermutlich kannten die Angreifer aber nicht einmal den Zusammenhang zwischen Krümmel und Düneberg. Denn weil Krümmel ausgeschaltet war, fehlten wichtige Rohstoffe für die Produktion in Düneberg, weiß Boehart aus alten Unterlagen.

"Trotz der langen Zeit, die seit dem Angriff vergangen ist, kommen immer noch neue Dinge ans Licht. Die Geschichte bleibt spannend", findet Museumsleiter Wolf-Rüdiger Busch. Im Stadtarchiv liegen bereits viele Bilder und Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die das Museum regelmäßig der Öffentlichkeit zeigt. Das Luftbild oben beispielsweise ist eine Aufnahme amerikanischer Aufklärer, die die Düneberger Fabrik aufgenommen hatten, um Ziele zu markieren.