Land unter

Eismassen lassen Elbe weiter steigen

Geesthacht. Wo vor zwei Wochen nicht einmal eine Eisscholle auf der Elbe trieb, türmen sich heute meterhohe Berge Packeis. Bis zu 30 Zentimeter dick und mehrere Quadratmeter groß ist die mächtige Eisbarriere, die das Hochwasser bei Flut am Ufer aufgetürmt hat.

Bei Ebbe liegen die Eisbrocken an Stellen, an denen man sie nicht erwartet.

Besonders dramatisch war die Situation in der Nacht zum Sonnabend in der Bucht am alten Geesthachter Fähranleger. Hier liegen mehrere Hausboote. Eines davon wurde wegen des aufgestauten Wassers durch die mit enormer Wucht nach oben drückenden Eisschollen um fünf Meter verschoben. Von nachts um 5 Uhr an waren der Bewohner und Helfer damit beschäftigt, das Boot zu sichern. Sofort wurden Erinnerungen an den Eis-Winter 1987 wach. "Damals hatten die Eisschollen eines der Boote bis auf die Elbuferstraße gedrückt", erinnert sich Siegfried Erich, der in einem der Boote lebt. Das Hausboot wurde schwer beschädigt, es liegt seit dem in einem Garten an der Spandauer Straße. Erst als Pioniere der Bundeswehr in Hamburg eine Eis-Blockade gesprengt hatten, ging das bis auf die Elbuferstraße reichende Hochwasser zurück.

In der Hausboot-Siedlung bei der DLRG-Station am Freizeitbad haben die Bewohner zusätzliche Seile und Ketten angebracht, um ihre schwimmenden Heime zu sichern. Die Stege, die als Zugang dienen, sind teilweise nur noch über Leitern zu erreichen, so hoch liegen die Hausboote bereits im Packeis. "Wir bleiben aber an Bord, wir können die Boote ja nicht alleine lassen, sagte Anwohner Siegfried Erich. Er ist erleichtert, dass er den Unterbau erst in der Werft erneuert hat. Erich: "Durch den alten Rumpf hätten sich die gigantischen Eisschollen durchgedrückt." Nun ruckeln sie am frischen Anstrich, können dem Boot aber nichts anhaben.

Schaulustige verfolgten am Sonnabend und Sonntag tagsüber von den Deichen aus den Einsatz der Eisbrecher-Flotte. Erst wenn die Schiffe das Packeis, das sich auf mehr als 30 Kilometern Länge staut, bis zum Stauwehr zerkleinert haben, wird sich die Hochwasser-Lage entspannen. Und nur wenn die Wassermassen am Wehr ungehindert abfließen können, gehen die Pegelstände zurück. Wie lange es noch dauern wird, ehe sich die Eisbrecher bis ans Wehr durchgekämpft haben, ist unklar. "Das Eis, das wir vor uns haben, ist unberechenbar, und wir können nicht durchschauen, wie dick es an welcher Stelle ist", so Einsatzleiter Andreas Schultz.

Das Hochwasser sorgt im Hafengebiet für Land unter. Der Schiffsanleger, das Podest über dem Wasser an den Sitzterrassen - in den Fluten versunken. Ebenso die Seebrücke in Tesperhude.

Einige Kilometer elbabwärts stehen die Autos der Schaulustigen dicht an dicht auf dem Hauptdeich. Birgit Campbell und ihre Tochter Kimberly konnten zu Fuß kommen, um das Spektakel zu beobachten. Sie wohnen am Hower Hauptdeich, davor sind die bis zu 1170 PS starken Eisbrecher aktiv. "Was für ein Aufmarsch", meinte Birgit Campbell in Anbetracht der vielen Schaulustigen.

"Die ganze Truppe auf unseren Eisbrechern ist gut drauf, trotz der Strapazen, die dieser schon seit zehn Tagen dauernde Einsatz für uns bedeutet", sagte Andreas Schultz, der Einsatzleiter der Eisbrecher-Flotte. "Wir sind eine gute Crew, wir schaffen das Eis zur Seite", sagte er. Um Schäden durch das Hochwasser und die aufgetürmten Eismassen für die Menschen und die Deiche zu verhindern, arbeiten die Besatzungen der Spezialschiffe rund um die Uhr. Prognosen, wann sie die Situation entspannt haben, wagt Schultz nicht. Die Natur ist unkalkulierbar.