Detailverliebt

Filigrane Kunst auf Schienen

Dassendorf (dapd). Mit einer Pinzette richtet der Feinmechaniker eine winzige Stahlspirale am Lokomotivenmodell aus. Nur um Millimeter verschiebt er mit ruhiger Hand das Teil, das zum nachgebildeten Ölkühlsystem einer Lok vom Typ E 71 gehört.

Der Mechaniker ist Wolfgang Bockholt. Mit seinem Bruder Jens und vier Angestellten baut er in Dassendorf ganz spezielle Lokomotiven.

Die Bockholt-Loks der Spurgröße 1 werden detailgetreu ganz aus Stahl gefertigt. Die mit Elektromotoren angetriebenen Schienenfahrzeuge im Maßstab 1:32 sind echte Raritäten, denn je Baureihe werden nur 25 bis 40 Stück gebaut. Sind alle Exemplare eines Typs verkauft, wird nicht mehr nachgefertigt. Und ausverkauft sind die Loks einer Baureihe laut Jens Bockholt bereits stets, noch bevor das letzte Exemplar überhaupt gefertigt ist - trotz Stückpreisen, die bei großen Modellen mit Schlepptender an Neuwagenpreise in der Kompaktklasse heranreichen.

Die E 71 ist ein ganzes Stück günstiger - 11 500 Euro werden die 25 stolzen Besitzer für ihr rund fünf Kilogramm schweres Exemplar jeweils anlegen. Vorbild für das Modell stand eine der ersten Elektrolokomotiven in Deutschland. Zwischen 1914 und 1924 gebaut, waren einige der Loks bis in die späten 50er-Jahre hinein bei der damaligen Deutschen Bundesbahn in Betrieb. Es ist eine der wenigen Elektroloks, die der 1973 gegründete Modellbaubetrieb nachgebaut hat.

Ausgewählt werden stets historische Zugmaschinen, die den Bahnverkehr im 20. Jahrhundert prägten. Vor allem deutsche und Schweizer Modelle sind darunter. Auf diese Art entstanden in den vergangenen fast 40 Jahren insgesamt etwa ebenso viele verschiedene Modelle. Mehr als 1600 Loks gingen so seither auf die Schienen, jede seit Firmengründung als Unikat einzeln nummeriert. Hinzu kommen unzählige Waggons, Masten und Bahnhofsgebäude.

Durch ihre 12-Volt-Motoren können auch die Modelle beachtliches leisten. Auf einer Vorführanlage seien einmal fast 100 Kilogramm Gewicht von einer der größeren Loks gezogen worden, erzählt Jens Bockholt. Gezeigt werde dies regelmäßig im Mekka der Spur-1-Fangemeinde - dem jährlichen Treffen im Sommer im baden-württembergischen Sinsheim. Die Veranstaltung im dortigen Technikmuseum hat für das Marketing der norddeutschen Eisenbahnschmiede zentrale Bedeutung, sind Bockholt-Lokomotiven doch nur auf Direktbestellung und in keinem Geschäft erhältlich.

Die geringe Stückzahl macht die norddeutschen Lokomotiven begehrt. Einen Markt für Sammler gebe es aber so gut wie nicht - kaum jemand möchte seine Modelle wieder verkaufen. "Ich verkaufe alles, aber meine Loks nicht", zitiert Jens Bockholt einen Kunden. Die Abnehmer der Modelle aus Dassendorf seien meist als Kinder in der Nähe von Bahngleisen aufgewachsen. Überdurchschnittlich viele Kunden kämen aus dem Ruhrgebiet und der Schweiz. Beides seien klassische Eisenbahnregionen. Doch auch in die USA und nach Großbritannien seien schon Bockholt-Lokomotiven verkauft worden.

Die Loks seien wegen ihrer Detailtreue so beliebt. Selbst der Führerstand ist nachgebildet. Dafür reist Jens Bockholt zu Verkehrsmuseen in ganz Europa und fotografiert die Originale. Dann gilt es, jedes Detail einzufangen. In jedem gefertigten Modell stecken rund 300 Arbeitsstunden, mehr als 2000 Einzelteile werden jedes Mal zusammengefügt. "Handarbeit aus Deutschland, wo gibt es so etwas sonst noch?", fragt Jens Bockholt. Die nächste Bahn ist schon in Planung - für die Bockholts ein Novum. Es soll der erste Triebwagen der Modellbau-Brüder werden, ein Wechselstromtriebwagen ET 89, im Volksmund einst "Rübezahl" genannt.

Weitere Informationen gibt es im Internet: www.bockholt-lokomotiven.de