Neuanfang

Elf Jahre war Gemeinde sein Zuhause

Geesthacht. Im Büro von Pastor Hanno Billerbeck hängt eine kleine Uhr mit Pendel an der Wand. Das regelmäßige Ticktack des Zeitmessers erfüllt den Raum und wirkt beruhigend. Auf dem Schreibtisch steht eine Kerze, die ein warmes Licht verbreitet.

Besucher nehmen in einem gemütlichen Sessel Platz und fühlen sich sofort behaglich wohl. Doch bald werden keine Besucher mehr kommen. Uhr und Kerze verschwinden in einem großen Umzugskarton. Denn Pastor Billerbeck verlässt die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Geesthacht und damit auch seine Wohnung und sein Büro im Blauen Haus an der Hafenstraße. Am 1. Februar übernimmt er die Pastorenstelle an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

"Mir werden vor allem die Alltagsbegegnungen mit den Gemeindemitgliedern und für einen Pastor typische Tätigkeiten, wie Hochzeiten, fehlen", sagt Pastor Billerbeck, der verspricht, Geesthacht regelmäßig zu besuchen. Die Gemeinde nach elf Jahren zu verlassen, bedeute im Prinzip das Zuhause zu verlassen. Allerdings hat sich der 51-Jährige ganz bewusst für die Aufgabe in Neuengamme entschieden. "Das Thema interessiert mich seit dem Studium, zumal ich noch Berührung mit Dozenten hatte, die auch im Dritten Reich gelehrt haben", sagt Billerbeck. Er hat Seminare zum Holocaust und der Verfolgung anderer Menschengruppen im Dritten Reich und zur Rolle der Kirche besucht, Bücher gelesen und mit Zeitzeugen gesprochen. Billerbeck meint, die Gedenkstättenarbeit sei für die Kirche eine Notwendigkeit, um sich kritisch der eigenen Vergangenheit zu stellen. "Nur so können wir zeigen, wo wir heute stehen."

75 000 Besucher kommen pro Jahr in die KZ-Gedenkstätte nach Neuengamme. In dem ehemaligen Konzentrationslager waren von 1938 bis 1945 100 000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert, mindestens 42 900 starben. Angst vor der Arbeit an einem Ort, in dem der wohl grausigste Teil deutscher Geschichte immer präsent ist, hat Billerbeck nicht: "Je öfter man sich dem Thema stellt, desto leichter ist es zu ertragen. Damit meine ich aber nicht, dass es nicht trotzdem immer wieder Momente gibt, die einen verstören." Pastor Billerbeck wird vor Ort Ansprechpartner sein, kirchliche Besuchergruppen herumführen und den Arbeitskreis kirchliche Gedenkstättenarbeit betreuen.

Der Arbeitsplatzwechsel bedeutet auch einen Umzug. "Meine Frau ist Pastorin in Hamburg-Dulsberg. Deshalb ziehen wir nun in die Stadt", erzählt Billerbeck. So könne seine Frau sich noch stärker am Gemeindeleben beteiligen und habe endlich mal einen kurzen Weg zur Arbeit. In seinem künftigen Job sei es demgegenüber nicht so wichtig, vor Ort zu wohnen.

Hanno Billerbeck hat in Geesthacht eine halbe Stelle. Er weiß allerdings, dass sie auf eine Viertelstelle gekürzt wird, wenn er geht. "Die Zahl der Gemeindeglieder ist in den vergangenen elf Jahren um 1000 gesunken", erklärt Billerbeck die Stellenkürzung. Das Blaue Haus soll allerdings nicht verkauft, sondern von der Kirche weiterbetrieben werden.

Wer sich von Pastor Hanno Billerbeck verabschieden möchte, hat dazu am 22. Januar um 11 Uhr Gelegenheit. Bei einem Abschiedsgottesdienst in der St.-Salvatoris-Kirche (Kirchenstieg 1) spricht Pröpstin Dr. Ulrike Murmann.