Geschichte

Erinnerungen an die "Dönitz-Affäre"

Geesthacht. Es ist fast 50 Jahre her - doch es war eine Affäre, die Geesthacht heute noch bewegt: Im November organisierte die Klasse 13 a vom Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) ein Diskussionsforum zum Thema "Dönitz-Affäre".

Jetzt erlebten die Schüler und Geschichtslehrerin Susanne Falkson die turbulenten Ereignisse, die das OHG anno 1963 in die Weltpresse rückten, noch einmal - aus einem anderen Blickwinkel, nüchtern und sachlich betrachtet. Damals hielt Großadmiral und Hitler-Nachfolger Karl Dönitz einen Vortrag vor Schülern und Lehrern am OHG, kurz darauf hagelte es Proteste aus der ganzen Welt.

Knapp 50 Jahre später kam jetzt Keith Heywood als Zeitzeuge in die Schule, der nach vielen Jahren erstmals wieder Geesthacht besuchte. Im Schuljahr 1962/63 wirkte der britische Student aus Newcastle zehn Monate lang als Fremdsprachen-Assistent am OHG, um hier die Sprachkenntnisse zu vertiefen. "Die Zeit in Geesthacht war prägend für den weiteren Verlauf meines Lebens", sagt der heute 73-jährige Engländer, der bis zur Pensionierung vor einem Jahr an der Cambridge University als Dozent für Deutsch und Dänisch wirkte.

"Ich habe schon immer gern Deutsch gesprochen, was sicher auf meinen ersten, hervorragenden Deutschlehrer in Newcastle zurückzuführen sei", erzählt Keith Heywood, der 1972 mit Susanne Hoedtke eine Deutsche geheiratet hat. "Wir haben zwei Söhne, die in England leben und auch ziemlich fließend Deutsch sprechen", flüstert Susanne Heywood. Sichtbar gerührt, leicht angespannt betreten die Heywoods das OHG-Gebäude, am Rande sagt er: "Geesthacht ist eine richtig schöne Stadt geworden". Vor der 13 a erzählt er über seine Studentenzeit in Geesthacht. Von akademischer Eleganz, rhetorisch punktgenau ist das Deutsch, das der Gentleman aus Cambridge spricht. Spannend, zugleich unangenehm, die Fakten, von denen er spricht.

Er will nur sein Deutsch verbessern, ein ruhiges Jahr in Deutschland verbringen und als wahrer Christ leben. Doch schon bald wird die Ruhe gewaltig aufgerüttelt. Der "englische Assistent" erlebt hautnah einen Skandal im Nachkriegsdeutschland. Der damalige CDU-Ratsherr und OHG-Lehrer Heinrich Kock und Schülersprecher Uwe Barschel laden für 22. Januar 1963 den ehemaligen Chef der Kriegsmarine und glühenden Hitler-Verehrer Karl Dönitz zur "Geschichtsfragestunde" ins OHG ein. Die "Fragestunde" wird zur skandalösen Posse: Statt Fragen und Antworten hält Dönitz vielmehr einen Vortrag über die Strategie und Kriegsführungstaktiken - vor rund 250 Schülern und Lehrern. Als der Dönitz-Auftritt am Neuen Krug 5 publik wurde und weltweit für Schlagzeilen sorgte, nahm sich der OHG-Leiter Dr. Georg Rühsen unter dem massiven Druck das Leben.

Was bis heute Fragen aufwirft, ist neben dem Zustandekommen der Dönitz-Visite am OHG die allgemeine politische Stimmung im damaligen Geesthacht. "Dönitz' militaristischen bis faschistischen Gedanken trafen auf keinen öffentlichen Widerspruch seitens der Schüler und Lehrer", betonte mehrfach in seinen Vorträgen der Historiker und Stadtarchivar Dr. William Boehart, zuletzt auf dem Podium am 30. November. Genau darüber sprach Keith Heywood als Zeitzeuge mit den Gymnasiasten. Emotionsfrei, auf die Rekonstruktion der Bilder des Alltags am Gymnasium Geesthacht und die Schülerfragen konzentriert, erzählte der Brite, wie er es damals erlebt hat. "Es war schon dubios. Von der groben, nicht gerade sympathischen Art von Dr. Kock bis zur spürbaren Spannung und Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Kollegiums. Man hat aber im Lehrerzimmer so gut wie nie darüber laut gesprochen", betont Heywood.

"Möglicherweise haben sich die einzelnen Herren außerhalb der Schule in Privatgesprächen gestritten oder zumindest diskutiert. In der Schule selbst herrschte viel mehr Verschwiegenheit", erinnert sich Heywood. "Ich denke, viele von den damaligen Lehrern hatten eine schwierige Zeit hinter sich und wollten nichts mehr, als ruhig arbeiten, unterrichten und danach nach Hause zu ihren Familien." Den Namen Dönitz kannte Heywood bis zu dessen Besuch am OHG nicht. "Es war fast ein Zufall, dass ein Lehrer zu mir sagte: 'Kommen Sie doch morgen auch zur Veranstaltung. Gerade als Engländer könnte Sie das interessieren'. Ich bin gekommen. Und obwohl auch danach Dönitz im Lehrerzimmer nie thematisiert wurde, habe ich dort meine Meinung geäußert. Ich habe gesagt, dass ich es nicht gut fand, dass die Schüler nicht ihre Fragen stellen durften..."

1963 verließ Heywood Geesthacht, besuchte die Stadt 1978 - nur ganz kurz - wieder. Und doch fühlt er sich jetzt hier auf Anhieb wohl.

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